Ein Mann hält zusammen mit einem Kind eine Waffe in den Händen | Bildquelle: picture alliance / AP Photo

USA Warum die Amerikaner ihre Waffen lieben

Stand: 06.08.2019 18:02 Uhr

Die emotionale Beziehung der Amerikaner zu ihren Waffen kennt kaum Vergleiche. Aber warum ist das so? Wer das verstehen will, muss in die Zeit des Wilden Westens zurückgehen.

Von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

"Die Waffen sind nicht das Problem, es sind die Leute, die sie tragen." Pfarrer Kenneth Blanchard ist da ganz entschieden. Bei einer Diskussion, wie sich Christentum und Waffenbesitz vertragen, tritt er dafür ein, dass jeder eine Waffe tragen darf. Und Karen Swallow Prior, Professorin an der protestantischen Liberty University, geht sogar noch weiter. "Für mich als Christin bedeutet, eine Waffe zu tragen, meine Sorge für Gottes Schöpfung wahrzunehmen", sagt sie. Natürlich ist diese Position unter Christen in den USA umstritten, aber der überwiegende Teil der Evangelikalen im Land hält nichts davon, Frieden ohne Waffen zu propagieren.

Szenenwechsel: Ein Samstagnachmittag in einem kleinen Ort in Virginia, am Fuß der Blue Ridge Mountains. Große Mehrzweckhalle, drinnen eine Gunshow, eine der Waffenmessen, die es im ganzen Land gibt. "Eine Waffe zu besitzen, ist ein Teil unserer Freiheit", sagt Dough Stockman. "Es ist die Freiheit, sich selbst verteidigen zu können." Stockman verkauft hier alles von der Pistole bis zum Maschinengewehr. Wen auch immer man fragt, diese zwei Begriffe fallen bei jedem: Freiheit und das Recht, sich selbst zu verteidigen.

"Die Waffe definiert die Menschen"

Juliana Horowitz vom Forschungsinstitut Pew Research Center hat die Haltung der Amerikaner zu Waffen untersucht. Ihre wichtigste Erkenntnis: "Ein Waffenbesitzer zu sein, ist ein wichtiger Teil der eigenen Identität. Das ist kein Werkzeug oder so. Die Waffe definiert die Menschen."

Etwa ein Drittel der erwachsenen Amerikaner besitzen eine Waffe. Unter weißen Männern ist es die Hälfte, bei Frauen etwa ein Viertel. Waffen sind auf dem Land verbreiteter als in der Stadt. "Für Waffenbesitzer ist das Recht auf Waffen genauso wichtig wie Redefreiheit oder andere Freiheiten, die Menschen haben", sagt sie. Dass dies in der Verfassung so festgeschrieben ist, halten sie für entscheidend. Auch wenn die Interpretation dieses Verfassungszusatzes umstritten ist.

Vererbte Werte

Der Historiker Bob Tupper hält die Frage der Identität bei zukünftigen Waffengesetzen für entscheidend. Er unterrichtet an einer Highschool in Maryland. Restriktivere Waffengesetze hält er für wichtig, aber am Grundrecht Waffen zu besitzen, werde niemand rütteln, sagt er. Dafür sei dies zu tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt. Auch er hat Waffen. "Diese Werte wurden vererbt. Wir hatten in unserer Familie immer ein Gewehr. Wer würde das aufgeben? Und warum auch?"

Was aber hat sich so in die DNA eines Volkes eingebrannt, dass das Thema so emotional ist?

Im Wesentlichen sind es drei Urerfahrungen aus der amerikanischen Geschichte: Die Besiedlung des Westens ist eine davon. Wer keine Waffe hatte, drohte zu verhungern und war wehrlos. Der Unabhängigkeitskrieg, der Versuch der Briten, die Siedler zu entwaffnen und wehrlos zu machen, war eine weitere Erfahrung. Zudem wurden die Nachfahren von den Erfahrungen der in Europa wegen ihres Glaubens verfolgten Einwanderer geprägt. Sie trauten keiner Regierung.

 "Wer draußen im Grenzland war, dort im Westen, brauchte das Gewehr, um sich verteidigen zu können," erläutert Historiker Tupper. Auf den Staat konnte sich in der Prärie niemand verlassen, und selbst der staatliche Sheriff war ohne bewaffnete Bürger gegen Räuberbanden und Indianerangriffe wehrlos.

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"Menschen wollen sich in ihrem Haus sicher fühlen"

Dass der Staat weit weg ist, daran hat sich außerhalb der Städte bis heute nur graduell etwas verändert, so der Jurist und Waffenhistoriker Stephen Halbrooke. "Menschen wollen sich in ihrem Haus sicher fühlen. Man sagt hier: Wenn Sekunden zählen, ist die Polizei Minuten entfernt." Mit Waffen wurde der Unabhängigkeitskrieg gewonnen, sagt er. Die britische Regierung hatte erfolglos versucht, die Siedler in den Kolonien zu entwaffnen.

Das führe zum zentralen Thema, sagt Tupper: "Wie mächtig soll eine zentrale Regierung sein? Kann mir die Regierung in Washington meine Waffe wegnehmen? Symbolisch nähme sie damit weit mehr als die Waffe: ihre Unabhängigkeit und die Möglichkeit, Widerstand zu leisten."

Der religiöse Aspekt fällt in Horowitz' Studie besonders auf: "Wenn man das Profil von Waffenbesitzern anschaut, sehen wir, dass weiße Evangelikale häufiger eine Waffe haben als andere." Viele der ersten Siedler kamen aus religiösen Gründen. Meist waren es radikale Protestanten, die wegen ihres Glaubens verfolgt und bestraft wurden. Sie sahen in den neuen amerikanischen Kolonien ihre Chance. "Sie hatten eine Ideologie der Freiheit, und die Vorstellung, diese Freiheit mit Gewalt verteidigen zu dürfen. Und dann gab es für die Siedler einen ganz praktischen Aspekt: sie mussten überleben", sagt Halbrooke. Gemeint war die Freiheit vor staatlicher Einmischung in religiöse Dinge. Dass die Kirche sich in den Staat einmischt, war dagegen gewollt.

"Ich werde niemals wehrlos sein"

Das Land hat eine gesellschaftliche Entwicklungsgeschichte im Zeitraffer hinter sich, kurz und intensiv genug, um prägende Grunderfahrungen bis in die Gegenwart wirken zu lassen. Und dazu gehört die Grundhaltung, im Notfall wehrhaft gegen die eigene Regierung sein zu können. Ein Beispiel: In einem Gesetz von 1941 wurde festgeschrieben, dass die Bundesregierung weder Waffen konfiszieren noch registrieren darf - das gilt bis heute. Und das habe mit Deutschland zu tun, erläutert der Historiker Halbrooke:

"Ein wichtiges Beispiel sind die Judenpogrome in Deutschland 1938. Die deutschen Juden waren ja von den Nazis systematisch entwaffnet worden. Das war alles ausführlich in den amerikanischen Medien."

Auch wenn das historisch nicht haltbar ist, mit Waffen, so damals die weit verbreitete Meinung in den USA, hätten sich die Juden gegen die Tyrannei wehren können. Und Amerikanern werde das niemals passieren. "Ich werde niemals wehrlos sein", ist auch heute noch ein oft gehörter Satz.

Und deshalb, so die Forscherin Horowitz, ist die Auseinandersetzung um mehr Waffenkontrollen viel mehr als eine politische. Hier gehe es um Identität, darum, was es heißt eigenständig, unabhängig und frei zu sein.

Die emotionale Beziehung der Amerikaner zu ihren Waffen
Arthur Landwehr, ARD Washington
06.08.2019 17:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. August 2019 um 06:05 Uhr.

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