Cornell Andrews | Jan Philipp Burgard
Reportage

Wahlkampf in den USA Tristesse in "The Big Easy"

Stand: 29.09.2020 15:46 Uhr

New Orleans steht für viele US-Amerikaner für Leichtigkeit. Doch die Folgen der Pandemie treffen die Stadt hart. Viele schwarze Wähler hoffen auf einen Wandel unter Biden - obwohl sie Zweifel an ihm haben.

Von Jan Philipp Burgard, ARD-Studio Washington

Kraftvoll schlägt Cornell Andrews seine Trommel, doch seine Augen sind müde. Mit seiner Band spielt der schwarze Musiker auf der Bourbon Street, dem Herzen des French Quarter von New Orleans. Ein Obdachloser tanzt wild zum Takt der Trommel, immer wieder muss er sich die Hose hochziehen. Bis vor einigen Monaten trat Cornell noch im Scheinwerferlicht auf den Bühnen der Stadt auf. Doch Dutzende Musikclubs haben den Corona-Lockdown nicht überlebt. Die Leuchtreklamen sind erloschen, die Fenster mit Sperrholzplatten verrammelt. Für viele Musiker wie Cornell bleibt für Auftritte nur noch die Straße.

Jan Philipp Burgard ARD-Studio Washington

New Orleans wird in Amerika "The Big Easy" genannt, doch jetzt sucht die Stadt nach ihrer Leichtigkeit. Ein wenig verzweifelt geht Cornell mit einem Pappkarton umher und bittet die wenigen Touristen, ein paar Dollarscheine als Trinkgeld hineinzuwerfen. Der Musiker findet, dass Präsident Donald Trump wegen seines schlechten Corona-Krisenmanagements für die Misere von New Orleans mitverantwortlich ist. Wählen gehen wird er trotzdem nicht. "Es wird sich nie etwas ändern, egal wer Präsident ist. Das war doch schon immer so. Es geht nicht um uns, sondern nur um Politik. Sie ändern ein paar Regeln, unterschreiben ein paar Gesetze und so. Aber wer auch immer Präsident ist, es wird nichts für die Minderheiten getan", sagt er bitter.

Ein Musiker macht Musik in einer Straße in New Orleans | Jan Philipp Burgard

Früher waren die Clubs und Straßen von New Orleans voller Musik. Das Coronavirus hat das geändert. Bild: Jan Philipp Burgard

Ein kleiner Junge bei einer Demo gegen Polizeigewalt schreibt "Am I next?" auf ein Stück Pappe | Jan Philipp Burgard

Viele Schwarze wehren sich zudem immer lauter gegen den Rassismus im Land. Bild: Jan Philipp Burgard

Versprechungen für eine vernachlässigte Wählergruppe

Rund ein Drittel der Bevölkerung hier im US-Bundesstaat Louisiana ist schwarz. Und Trump wirbt gerade landesweit ganz gezielt um die Stimmen dieser wichtigen Wählergruppe. Sein Versprechen: drei Millionen neue Jobs, 500.000 neue Unternehmen sowie ein besserer Zugang zu Bildung und Ausbildung. Traditionell ist den Demokraten die Unterstützung der schwarzen Amerikaner sicher. Doch schon bei der vorherigen Präsidentschaftswahl 2016 gelang es Hillary Clinton nicht ausreichend, sie für sich zu begeistern und an die Wahlurnen zu bewegen. Das hat zu ihrer knappen Niederlage gegen Trump beigetragen.

Damit sich die Geschichte für die Demokraten nicht wiederholt, empfiehlt der weiße Pastor Shawn Anglim seiner Gemeinde, Joe Biden zu wählen. Der sei zwar auch nicht der perfekte Präsidentschaftskandidat, aber immerhin habe er dem Rassismus den Kampf angesagt. "Politik dreht sich um Zusammenleben. Was für ein Leben werden wir zusammen führen? Viele von uns fühlen sich im Moment wie Jesus in der Wüste. Die Probleme sind so groß, dass wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen", sagt Anglim mit ernstem Blick. "Tragt Euch ins Wahlregister ein", steht auf einem selbst gemalten Plakat in seiner Kirche.

Beim Gottesdienst spielt Senais Edwards die Orgel und singt. "Der Wandel wird kommen", heißt es in einem Refrain. Senais stammt aus einem schwarzen Viertel von New Orleans, das für seine hohe Kriminalitätsrate bekannt ist. Die Musik habe ihn immer davor bewahrt, in Schwierigkeiten zu geraten, erzählt Senais. Trotzdem werde er behandelt wie ein Krimineller. "Als Afroamerikaner mit Rastalocken werde ich diskriminiert, zum Beispiel wenn die Polizei mich immer wieder anhält. Ich zeige dann meine Arbeitsnachweise, dass ich viel für die Gemeinde und die Kirche tue, für eine gemeinnützige Organisation arbeite und Kindern kostenlosen Musikunterricht gebe."

Kampf gegen den Rassismus

Um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen, hat der Pastor einen Autokorso organisiert. Mehr als 60 Gemeindemitglieder nehmen teil. Viele haben Plakate auf ihre Autos geklebt, auf denen Slogans wie "Black Lives Matter" stehen. Auf der Ladefläche eines Pickup Trucks malt ein kleiner schwarzer Junge in bunten Buchstaben sein Plakat. "Werde ich der Nächste sein?", steht darauf. Damit meint er die Polizeigewalt gegen Schwarze.

Auf dem Parkplatz des Football-Stadions von New Orleans nähert sich eine kleine Schlange von Autos im Schritttempo einem Zelt. Hier kann man sich im Wagen sitzend ins Wahlregister eintragen. Jarule Placide will unbedingt eine zweite Amtszeit von Präsident Trump verhindern. Zum ersten Mal seit 23 Jahren wird er dafür an die Urne gehen. Lange hatte er geglaubt, dass er gar nicht wählen dürfe. "Man sagte mir, das ginge nicht, weil ich eine Verurteilung in meiner Akte hatte. Aber das war eine irreführende Information. Denn ich war nie im Gefängnis. Erst jetzt habe ich herausgefunden, dass ich all die Jahre hätte wählen können und wählen sollen!", berichtet er empört.

Systematisches Fernhalten von den Wahllokalen?

Die Verbreitung von solchen irreführenden Informationen sei kein Zufall, sondern habe Methode. Davon sind die Wahlrechtsaktivisten der Organisation "Power Coalition" überzeugt. Die Republikanische Partei versuche hier in Louisiana systematisch, die Stimmabgabe zu verhindern, sagt Shannon Morgan. "Das richtet sich besonders gegen schwarze Wähler. Viele Wahllokale in schwarzen Nachbarschaften wurden geschlossen. Das Gleiche passiert in Gegenden mit vielen älteren Leuten, die keine Transportmöglichkeiten haben, um zu anderen Wahllokalen zu kommen."

Benachteiligung beim Wählen, Rassismus, Arbeitslosigkeit wegen Corona. Hinter der Bilderbuchkulisse von New Orleans werden viele Probleme sichtbar, mit denen die schwarze Bevölkerung überall im Land zu kämpfen hat. Joe Biden erscheint den Menschen, denen man in New Orleans begegnet, nicht gerade als Hoffnungsträger, sondern eher als kleineres Übel. Es ist wieder Abend auf der Bourbon Street. Die Musiker geben sich alle Mühe. Doch "The Big Easy" klingt schwermütig in diesen Tagen vor der Präsidentschaftswahl.

Die Reportage von Jan Philipp Burgard sehen Sie heute in den tagesthemen - um 22.15 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 29. September 2020 um 22:15 Uhr.