US-Präsident Donald Trump bei einem Interview. | Bildquelle: Oliver Contreras/POOL/EPA-EFE/Sh

Faktencheck zu Trump-Behauptung Rekord-Infizierte durch Rekord-Tests?

Stand: 11.05.2020 05:00 Uhr

Ein Drittel aller weltweiten Corona-Fälle gibt es in den USA - obwohl sie nur gut vier Prozent der Weltbevölkerung stellen. Woran liegt das? US-Präsident Trump sagt: Wir testen mehr als andere. Ist es so einfach?

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Es ist ein trauriger Weltrekord: Fast 80.000 Menschen sind in den USA an Covid-19 gestorben. US-Präsident Donald Trump erklärte das im Interview beim TV-Sender "ABC" kürzlich so: "Wissen Sie, warum wir mehr als eine Million Fälle haben? Weil wir mehr testen als alle anderen. Schauen Sie sich doch mal Japan an, die testen ganz wenig. Oder Südkorea. Wenn ich auch so wenig testen würde, hätte ich auch viele weniger Fälle."

Aber so simpel ist es nicht, sagt die Epidemiologin Stephanie Silvera von der Montclair State University in New Jersey im ARD-Interview: "Zu sagen, wir haben mehr Fälle, weil wir mehr testen, stimmt nicht. Weil wir nicht mehr testen, wenn man die Größe der Bevölkerung in Betracht zieht."

Eine Frau in Schutzkleidung hält einen Corona-Test in der Hand | Bildquelle: AP
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Weit über eine Million Menschen in den USA wurden schon positiv auf das Coronavirus getestet.

USA liegen zurück

Zwar haben die USA nach langen Anlaufschwierigkeiten inzwischen insgesamt rund acht Millionen Tests durchgeführt. Pro Tag sind es mittlerweile rund 300.000 - und damit tatsächlich mehr als in jedem anderen einzelnen Land auf der Welt. Aber umgerechnet auf die Bevölkerung liegen die USA immer noch deutlich zurück, sagt Epidemiologin Silvera: "Es gibt mehrere Länder, die pro Million der Bevölkerung deutlich mehr getestet haben, als die USA. Und dazu gehören Italien, Spanien, Deutschland und zum Beispiel auch Russland."

Und auch wenn man sich die absoluten Testzahlen anguckt, liegt Trump mit einer weiteren Behauptung ziemlich daneben. Nämlich dass die USA inzwischen mehr Tests durchgeführt hätten als alle anderen Länder auf der Welt zusammen.

Tatsächlich haben allein schon drei Länder - Russland, Italien und Deutschland - gemeinsam mehr Tests durchgeführt als die USA: zusammen fast zehn Millionen. Aber auch wenn man Trumps Aussage als lässliche Übertreibung abtut - die Fixierung auf die Testzahlen sei wenig hilfreich, um die Verbreitung des Virus zu beurteilen, sagt der Virologe Michael Teng von der University of South Florida im Interview. Wichtig sei auch, wann getestet würde: "Länder wie Südkorea haben gleich zu Beginn sehr viel getestet. Jetzt sind ihre Testzahlen runtergegangen, auch pro-Kopf der Bevölkerung. Aber sie haben auch wenig Infizierte."

Anlaufschwierigkeiten noch jetzt spürbar

Die Anlaufschwierigkeiten beim Testen seien ein Grund, warum die USA jetzt so viel mehr Fälle hätten als andere Länder, sagt die Epidemiologin Silvera. Insgesamt habe die Regierung in Washington, aber auch in den einzelnen Bundesstaaten zu spät und zu zögerlich reagiert: "Idealerweise versucht man die Verbreitung eines Virus zu mildern, bevor man viele Fälle hat und bevor es sich rasch in der Bevölkerung verbreitet. Aber bis die Bundesstaaten solche Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen haben, war es leider schon zu spät."

Und auch wenn inzwischen deutlich mehr getestet wird - genug sei es immer noch nicht, sagen Epidemiologin Silvera und Virologe Teng. Denn anders als von Trump suggeriert, kommt es eben nicht nur auf die absolute Zahl der Tests an, sondern darauf, wieviel Prozent der Bevölkerung getestet werden. Und da hinken die USA mit 2,5 Prozent weiter hinterher. Denn auch wenn die USA mit rund acht Millionen mehr Tests durchgeführt haben als jedes andere Land - umgerechnet auf die Bevölkerung haben die USA weniger getestet.

Rekord-Infizierte durch Rekord-Tests? Faktencheck zu Trumps Zahlendeutung
Julia Kastein, ARD Washington
10.05.2020 23:22 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. Mai 2020 um 10:38 Uhr.

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