In einem überfüllten Krankenhaus im Bezirk San Bernadino (US-Bundesstaat Kalifornien) liegen Patienten in Betten auf den Gängen. | Bildquelle: AFP

Corona-Krise in Kalifornien Keine Chance für die Krankenhäuser

Stand: 07.01.2021 03:02 Uhr

Die Infektionszahlen im US-Bundesstaat Kalifornien nehmen dramatische Ausmaße an: Rettungsdienste sollen Menschen mit geringer Überlebenschance im Großraum Los Angeles nicht mehr in Kliniken bringen.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Die Infektionszahlen im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat Kalifornien nehmen dramatische Ausmaße an. Besonders hoch sind sie im Großraum von Los Angeles, im Süden des Bundestaates, wo mehr als 13 Millionen Menschen leben. So sollen Rettungsdienste Menschen mit geringen Überlebenschancen nicht mehr in die Krankenhäuser bringen. 

Für die Leiterin des Gesundheitswesens von Los Angeles, Barbara Ferrer, hat sich die Lage deutlich zugespitzt. In einer Video-Pressekonferenz stellt sie nüchtern fest, dass mittlerweile alle 15 Minuten in der Region ein Mensch an den Folgen einer Corona-Infektion sterbe. Wenn die Zahlen weiter ansteigen, befürchtet Ferrer bald mehr als 1000 Tote pro Woche.

"Jeder sollte bedenken, dass die Übertragungsraten derzeit so hoch sind, dass man schon allein durch das Verlassen des Hauses Gefahr läuft, sich zufällig zu infizieren." 

Die Folgen der Festtage

Die jüngste Infektionswelle führen die Gesundheitsbehörden auf das Weihnachtsfest und Silvester zurück. Millionen Menschen hielten sich nicht an die Vorgaben und trafen sich trotz Warnung in größerem Kreis mit Familien und Freunden - trotz Ausgangsbeschränkungen von 22 Uhr abends bis 5 Uhr morgens.

Als Infektionsherde werden mittlerweile zunehmend auch Kaufhäuser und Supermärkte ausgemacht. Allein im Bezirk Los Angeles sind seit dem 30. Dezember nach Behördenangaben mehr als 1300 Menschen an den Folgen einer Corona-Infektion verstorben. Jeder fünfte Covid-Test kommt mittlerweile positiv zurück. Die Ansteckungen haben sich in etwas mehr als einem Monat verdoppelt.

Kühl-Lkw helfen beim Abtransport der Leichen

Seit Tagen sind die Krankenhäuser überlastet, es gibt keine Intensivbetten mehr. Vor den größten Kliniken der Stadt sind Kühl-Lkw aufgefahren, um die Verstorbenen aufzubewahren, weil die Krematorien überlastet sind. Die Nationalgarde hilft beim Abtransport. Krankenwagen-Crews wurden angewiesen, Patienten mit geringer Überlebenschance nicht mehr in Krankenhäuser zu bringen und sie stattdessen zuhause sterben zu lassen. 

Nancy Blake, leitende Krankenschwester an der Universitätsklinik von Los Angeles, sagt im US-Fernsehen unter Tränen, die Sterbenden zu sehen, sei für die Pflegekräfte desaströs. "Die Patienten sind extrem krank. Das ist eine schreckliche Krankheit. Seit zehn Monaten geht das jetzt so und wir werden überrannt."

Ärzte sprechen in einem Zelt in Apple Valley (US-Bundesstaat Kalifornien) vor einem Krankenhaus in Kalifornien mit wartenden Patienten. | Bildquelle: AFP
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Wenn die Krankenhäuser keinen Platz mehr haben, errichten sie Zelte für den ersten Kontakt mit Patienten - wie hier auf einem Parkplatz in Apple Valley.

Patienten liegen zum Teil auch in Kirchen und Sporthallen, die zu den Krankenhauskomplexen gehören. Die Notaufnahme des Universitätsklinikums ist zur Intensiv-Station umfunktioniert. Mangelware sind auch Sauerstoff-Flaschen, mit denen Patienten beatmet werden.

Chef-Krankenschwester Blake kann vor der TV-Reporterin ihre Wut nicht verbergen: "Zu Beginn der Krise haben die Menschen gesagt, dass wir Pfleger und Schwestern Helden sind. Jetzt hört niemand mehr auf uns." Keiner trage hier eine Maske, einige Leute sagten, Corona sei ein "Hoax", eine zum Scherz in Umlauf gebrachte Lüge. 

Genug Impfdosen, aber keine Impfzentren

Einziger Lichtblick sind die Impfdosen: Mehr als 370.000 hat der Bezirk Los Angeles in den vergangenen Wochen erhalten. Die Impfungen kommen aber offenbar langsamer voran als geplant. Spezielle Impfzentren, wie man sie in den vergangenen Wochen in Deutschland aufgebaut hat, gibt es hier nicht. Die Zentralregierung vertraut komplett auf die Privatwirtschaft - sprich: Krankenhäuser und Apotheken sollen das Impfen übernehmen. Bundesstaat und Bezirksverwaltungen reden nur mit, welche Personengruppen als Erstes geimpft werden müssen. Priorität haben vor allem die Bewohner von Altenheimen und Pflegekräfte.

Auf die Kräfte des Marktes innerhalb einer Pandemie zu vertrauen, hat Nachteile: So kann die Kühlkette nicht immer eingehalten werden. Am Montag rief ein Krankenhaus im Norden Kaliforniens dazu auf, doch schnell zum örtlichen Krankenhaus zu kommen, weil man 800 Dosen verimpfen müsse - der Kühlschrank sei ausgefallen.

Von Planung ist wenig zu spüren. Wenigstens hat Gesundheitschefin Barbara Ferrer Lob für das Pflegepersonal übrig, dessen Impfbereitschaft sehr hoch sei. Allerdings befürchten Ferrer und ihre Kollegen, dass eine Entspannung der Situation erst in vier bis sechs Wochen zu sehen ist - wenn dann mehr Imfpstoff zur Verfügung steht und sich mehr Menschen an die Vorgaben halten.

Gesundheitssystem in LA vor Zusammenbruch
Marcus Schuler, ARD Los Angeles zzt. San Francisco
07.01.2021 05:15 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 06. Januar 2021 um 13:51 Uhr.

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