Donald Trump (M), Präsident der USA, spricht zu Mitgliedern der amerikanischen Truppen auf der Bagram Air Base nördlich von Kabul während eines überraschenden Besuchs zu Thanksgiving. (Archivbild) | Bildquelle: dpa

US-Soldaten zum Afghanistan-Krieg "Bin Laden würde in seinem Grab lachen"

Stand: 10.12.2019 04:16 Uhr

Seit Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 erklären die USA, ihr Einsatz sei notwendig und bringe Fortschritte. US-Militärs berichten nun jedoch über geschönte Berichte und Vertuschungen.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Ein Truppenbesuch des US-Präsidenten Ende November in Afghanistan: Donald Trump versichert den Soldaten auf der Bagram Air Base nördlich von Kabul, dass er an Thanksgiving nirgendwo lieber wäre als bei ihnen - und setzt hinterher, dass niemand auf der Welt das großartige Militär der Vereinigten Staaten schlagen könne.

Die Realität in Afghanistan sieht jedoch anders aus: Seit 18 Jahren kämpfen die USA dort. Und genauso lang gaukelt die jeweilige Regierung der US-Bevölkerung vor, es würden Fortschritte erzielt. Obwohl sie weiß, dass das nicht stimmt - und dieser Krieg nicht zu gewinnen ist. Das belegen Interviews mit über 400 Militärs, Diplomaten und Regierungsmitarbeitern, über die die "Washington Post" jetzt berichtet.

"Keine Ahnung, was wir in Afghanistan taten"

Einer der Befragten ist Michael Flynn, Trumps erster Nationaler Sicherheitsberater und General der US-Armee im Ruhestand. Flynn diente mehrfach in Afghanistan, war sowohl in der Bush- als auch in der Obama-Regierung eine der zentralen Figuren im Anti-Terror-Kampf. Und immer wieder, so schilderte er es schon 2015 - habe es von der Regierung geheißen: Wir machen einen tollen Job. Er habe sich gefragt: Wenn wir so einen tollen Job machen - warum fühlt es sich dann so an, als ob wir verlieren würden?

Ähnlich groß ist der Frust bei Douglas Lute. Er war von 2007 bis 2010 als stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater direkt zuständig für Afghanistan. Er erklärte 2016 laut veröffenlichtem Interview-Transkript:

"Wir hatten keine Ahnung, was wir in Afghanistan taten. Wenn die amerikanische Öffentlichkeit geahnt hätte, wie groß das Ausmaß der Ahnungslosigkeit war... 2400 gefallene Soldaten. Wer will da sagen: Es war umsonst?"

US-Behörde hielt Bericht unter Verschluss

Das Besondere an den Interviews: Sie wurden von einer US-Behörde geführt und zwar vom Büro des Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau in Afghanistan. Die Stelle sollte herauszufinden, welche Lektionen man aus dem Konflikt gelernt habe. "Lessons Learned" hieß das Projekt - doch die dafür geführten Interviews wurden unter Verschluss gehalten. Erst nach jahrelangen Gerichtsprozessen hat die "Washington Post" sie jetzt bekommen. Die allermeisten Namen waren geschwärzt - und die vernichtendsten Zitate tauchten in den bislang veröffentlichten Berichten der Behörde gar nicht auf.

Deren Chef, Special Inspector General John Sopko, begründete das gegenüber der "Washington Post" damit, dass es ihnen um die Information an sich gegangen sei - selbst wenn die Bedingung dafür war, die Namen der Interviewten geheim zu halten.

Geschönte und gefälschte Studien und Statistiken

Unter den geschwärzten Namen war auch der eines ehemaligen Elitesoldaten, der später für den Nationalen Sicherheitsrat arbeitete.

"Was haben wir für unsere Billionen Dollar bekommen? Nachdem wir Osama Bin Laden getötet haben, habe ich gesagt, dass er in seinem wässrigen Grab lachen würde, wenn er wüsste, wieviel Geld wir in Afghanistan ausgegeben haben."

Viele der Befragten schilderten das Bemühen der Regierung, die Öffentlichkeit über die Wahrheit im Dunkeln zu lassen. Statistiken und Studien wurden geschönt und gefälscht, um die Situation möglichst positiv darzustellen.

Gebrochene Versprechen

Die Marschrichtung hatte US-Präsident George W. Bush schon 2002 festgelegt. Ein halbes Jahr nach dem Beginn des Krieges erklärte er vor Kadetten, dass die Geschichte Afghanistans eine Geschichte der gescheiterten Militäreinsätze sei. Aber die USA, versicherte Bush, würden diesen Fehler nicht begehen.

Auch Präsident Obama versprach noch 2015, dass der Krieg in Afghanistan spätestens 2016 beendet sein werde. Tatsächlich sind aber nach wie vor etwa 15.000 US-Soldaten vor Ort. Nach wie vor ist das erklärte Ziel des Einsatzes in Afghanistan, zu verhindern, dass von dort weitere Terroranschläge auf die USA geplant werden können. Ein anderes Ziel wurde inzwischen aufgegeben: die Taliban zu besiegen. Stattdessen wollen die USA einen Friedensschluss vermitteln. Aber auch das ist bislang nicht gelungen.

US-Regierung täuscht Bevölkerung über Situation in Afghanistan
Julia Kastein, ARD Washington
10.12.2019 07:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Dezember 2019 um 20:00 Uhr.

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