Veronika Munk, die Chefredakteurin des unabhängigen Nachrichtenportals Telex. | AFP

Pressefreiheit in Ungarn Nachrichten auf dem Index

Stand: 26.09.2020 18:42 Uhr

Stück für Stück wird Ungarns Presselandschaft von Orban-Anhängern umgebaut. Als das erfolgreichste Nachrichtenportal "Index" einen neuen Eigentümer bekam, kündigte die Redaktion - und ging eigene Wege.

Von Nadja Armbrust, ARD-Studio Wien

Keine Nachrichtenseite rufen die Ungarn so häufig auf wie "Index". Das Online-Nachrichtenportal ist eines der letzten großen, noch unabhängigen Medienangebote, veröffentlicht immer wieder auch investigative Geschichten.

Es ist Ende Juli in Budapest, als die stellvertretende Chefredakteurin von "Index", Veronika Munk, plötzlich kündigt - und mit ihr nahezu die gesamte Redaktion: 90 Journalisten, von heute auf morgen. Zwei Monate später bauen diese Journalisten ein neues Nachrichtenportal auf. Es liegt ein anstrengender Sommer hinter ihnen, aber erst die nächsten Monate werden zeigen, ob sich all die Mühen überhaupt gelohnt haben. Was ist passiert? 

Veronica Munk und weitere Journalisten nehmen bei der letzten Redaktionssitzung des Internet-Portals index.hu. | dpa

Veronica Munk und weitere Journalisten bei der letzten Redaktionssitzung des Internet-Portals index.hu. Bild: dpa

Mit dem neuen Mit-Eigentümer begann der Konflikt

Im Frühjahr stieg bei der Anzeigenfirma, die das Werbegeschäft von "Index" managt, ein neuer Eigentümer ein: Miklós Vaszily. Ihm eilt ein gewisser Ruf voraus. Er ist Vorsitzender des regierungsnahen Senders TV2, hat früher den ebenfalls regierungsfreundlichen Sender Echo TV geleitet. Vaszily hat bereits andere Medien auf Regierungslinie gebracht. Sobald er einstieg, fürchtete die ganze Redaktion, dass er das Portal zu einer regierungsfreundlichen Nachrichtenseite umbaut.

Tatsächlich wurde schnell über einen Umbau der Redaktion gesprochen. Szabolcs Dull, der Chefredakteur von "Index", wehrte sich öffentlich gegen die Reformpläne. Ihm wurde gekündigt. Seine Stellvertreterin Munk und ihre Kollegen entschlossen sich, die Redaktion zu verlassen. Dabei hatte Munk 18 Jahre lang für "Index" gearbeitet. "Eigentlich hätte ich mir vorstellen können nochmal 18 Jahre oder auch mehr hier zu arbeiten", sagt sie.

Seit diesem Tag sprechen Menschen in Ungarn über "Index" in der Vergangenheitsform, als ob es die Nachrichtenseite nun nicht mehr gebe. Dass auflagenstarke Zeitungen wie "Népszabadság" plötzlich eingestellt werden oder Nachrichtenseiten wie "Origo" auf Regierungslinie gebracht werden, ist in Ungarn längst üblich geworden.

Werbeeinnahmen kommen meist vom Staat

Seit Viktor Orban als Premierminister 2010 erneut an die Macht kam, hat sich die Medienlandschaft des Landes komplett verändert - und die Pressefreiheit schwindet. Reporter ohne Grenzen hat Ungarn von Platz 23 auf 89 herabgestuft. Ausländische Medienunternehmen und Investoren haben sich aus dem ungarischen Mediengeschäft zurückgezogen. Einheimische Medienunternehmer suchen sich mit der Regierungslinie gut zu stellen.

Eine Ausnahme ist Zoltán Varga: Er gilt als der einzige ungarische Medienunternehmer, der nicht auf Linie der Regierung ist. Was das für sein Geschäft bedeutet, merkt er deutlich: Varga hat viele sehr erfolgreiche Zeitschriften in seinem Portfolio - eigentlich die ideale Voraussetzung, damit dort Werbung geschalten wird. In Ungarn kommt es aber vor allem auf staatliche Werbegelder an. Sie machen einen beträchtlichen Teil des Anzeigengeschäftes aus und bestimmen so mit, welche Medien finanziell überleben. Varga sagt, er habe in den letzten zweieinhalb Jahren gar keine Werbeeinnahmen vom Staat erhalten. Er sieht darin eine bewusste Wettbewerbsverzerrung durch die Regierung Orban.

Veronika Munk, die Chefredakteurin des unabhängigen Nachrichtenportals Telex. | AFP

Veronika Munk, die Chefredakteurin des unabhängigen Nachrichtenportals Telex. Bild: AFP

Beschwerdebrief an EU-Wettbewerbskommissarin

Und damit ist er nicht der Einzige. Erst Anfang September forderten 16 Journalismus-Organisationen EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager in einem offenen Brief auf, auf Beschwerden zu reagieren, die in den letzten Jahren gegen die ungarische Regierung in Brüssel eingereicht wurden - insbesondere bezüglich Wettbewerbsverzerrung durch die Verteilung von staatlichen Werbegeldern.

Zur gleichen Zeit im September in Budapest gründete die ehemalige Redaktion von "Index" eine neue Nachrichtenseite: "Telex". Unter schwierigsten Startbedingungen: Denn weil die Journalisten kritisch und unabhängig berichten wollen, werden sie kaum staatliche Werbegelder bekommen. Hinter "Telex" steht auch kein Verlag, der das Portal im Hintergrund unterstützt. "Natürlich hatte ich existenzielle Ängste, mit zwei kleinen Kindern, in der Corona-Epidemie. Es ist keine einfache Situation", sagt Munk.

Für die Startphase haben die Redakteure deshalb eine Spendenkampagne gestartet. Ein Test, ob die Ungarn bereit sind, für unabhängigen kritischen Journalismus zu zahlen. Und tatsächlich: Fast 32.000 Unterstützer sind zumindest zu Beginn dabei. Mit Abos wollen die Journalisten nun langfristig ihre Unabhängigkeit bewahren - auch wenn die Umstände in Ungarn alles andere als einfach sind.

Mehr dazu sehen Sie am Sonntag um 12.45 Uhr im Europamagazin im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Europamagazin am 27. September 2020 um 12:45 Uhr.