Zerstörung in der syrischen Idlib-Region. | Bildquelle: AFP

UN zur Lage im syrischen Idlib "Verlieren das Wesen der Menschlichkeit"

Stand: 19.06.2019 04:52 Uhr

Zum wiederholten Male hat der UN-Sicherheitsrat die Gewalt im syrischen Idlib mit drastischen Worten verurteilt. Doch ebenfalls zum wiederholten Male zeigt sich, wie verfahren die Situation ist.

Von Kai Clement, ARD-Studio New York

Rosemary DiCarlo | Bildquelle: dpa
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"Trotz all der Gewalt haben sich die Frontverläufe kaum verändert", so Unter-Generalsekretärin Rosemary DiCarlo.

Erst vor einem Monat haben sie im Sicherheitsrat zu Syrien zusammengesessen und beraten über die Provinz Idlib, im Nordwesten des Landes. Das letzte Rebellengebiet Syriens, hart umkämpft. Assad mit Russland an der Seite bombardiert dort aus der Luft. In dem Kessel am Boden Rebellen aber auch die Terrorgruppe HTS. Seit dem vergangenen Treffen des Sicherheitsrates aber ist nichts besser geworden, alles nur noch schlimmer, so Unter-Generalsekretärin Rosemary DiCarlo.

"Trotz all der Gewalt haben sich die Frontverläufe kaum verändert. Es scheint eine Pattsituation erreicht - in dem Fall allerdings eine blutige und sehr sinnlose."

Besonders in der Kritik: Dutzende Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen. Das war bereits beim vergangenen Treffen Thema. Doch auch bei diesen Übergriffen ist nichts besser geworden, alles nur noch schlimmer.

230 Zivilisten starben in vergangenen Monaten

Ständiger Vertreter bei der UN Christoph Heusgen | Bildquelle: picture alliance / Photoshot
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"Wie sind hoch alarmiert angesichts andauernder Angriffe auf zivile Infrastruktur", so UN-Botschafter Christoph Heusgen

Deutschlands UN-Botschafter Christoph Heusgen hat das Treffen des Sicherheitsrates mit beantragt.

"Wie sind hoch alarmiert angesichts andauernder Angriffe auf zivile Infrastruktur. Darunter 26 medizinische Einrichtungen und 37 Schulen. Das ist entsetzlich. Es wirkt ganz so, als würden wir in Syrien das Wesen der Menschlichkeit verlieren."

Was das in Zahlen bedeutet, im nun schon neunten Jahr des Krieges, berichtet UN-Nothilfe-Koordinator Mark Lowcock. In den vergangenen anderthalb Monaten seien über 230 Zivilisten getötet worden, darunter 81 Kinder. Weitere hunderte Verletzte. Geschätzt 330.000 Menschen hätten in dieser Zeit fliehen müssen - vor allem Richtung der Grenze zur Türkei. Allein diese Zahl habe sich seit dem letzten Treffen des Sicherheitsrates fast verdoppelt. Viele seien immer wieder aufs Neue gezwungen, zu flüchten. Wieder und wieder und wieder, so Lowcock, manche schon zum zehnten Mal.

Krankenhäuser als Zielscheiben

Was die Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen angehe - das schreie zum Himmel, es sei nicht hinnehmbar.

"Einige unserer Partner haben nun den Eindruck, dass es im Grunde eine Zielscheibe auf ihren Rücken malt, wenn sie ihre Orts-Koordinaten den Kriegsparteien mitteilen. Einige ziehen das Fazit, dass die Krankenhaus-Bombardierungen eine gezielte Taktik darstellen, um Menschen zu terrorisieren."

Also würden sie dazu übergehen, ihre Koordinaten eben nicht mehr mitteilen, hatte Deutschlands Vertreter bereits vor dem Treffen erläutert.

Terror als Rechtfertigung

Syrien und Russland rechtfertigen ihre Angriffe immer wieder mit dem Kampf gegen Terrorgruppen, die es ja auch in der Provinz Idlib gibt. So auch diesmal der syrische UN-Botschafter, so auch diesmal der Russe Wassilij Nebentsja. Terroristen provozierten, Russland und Syrien reagierten.

Doch selbst Kampf gegen Terror, so Deutschlands Vertreter Heusgen, sei keine Rechtfertigung für wahllose Bombardierungen.

Idlib eigentlich De-Eskalationszone

Ein blutiger Stillstand - ausgerechnet in der sogenannten De-Eskalationszone Idlib, in der ja eigentlich gar nicht gekämpft werden sollte. So jedenfalls die Vereinbarung der Kriegsparteien Türkei und Russland. UN-Generalsekretär Guterres hatte vor dem Treffen deshalb insbesondere diese beiden Länder aufgefordert, die Lage zu stabilisieren.

Vor aller Augen entfalte sich eine humanitäre Katastrophe, so Unter-Generalsekretärin Rosemary DiCarlo. Doch damit nicht genug.

"Wenn wir keine Lösung finden, werden die Folgen unvorstellbar sein. Das gilt nicht nur für die humanitäre Lage. Lassen Sie uns nicht vergessen, welche internationalen Mächte involviert sind und wie sehr das eskalieren kann."

„So blutig wie sinnlos“ – UN verdammen Kampf um das syrische Idlib
Kai Clement, ARD New York
19.06.2019 06:35 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. Juni 2019 um 12:08 Uhr.

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