Der ukraine Präsident Wolodymyr Selenskyj | Bildquelle: dpa

Selenskyj kontert Kritik "Ein Telefonat in schwieriger Zeit"

Stand: 26.09.2019 14:01 Uhr

Der ukrainische Präsident Selenskyj rechtfertigt sein Telefonat mit US-Präsident Trump. Seine Aussagen lösten innenpolitisch Kritik aus und könnten den Friedensprozess erschweren.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

An großen Zielen mangelt es dem neuen ukrainischen Präsidenten nicht: Er hat bei seinem Amtsantritt versprochen, alles dafür zu tun, den Krieg im Osten der Ukraine zu beenden, das Land wirtschaftlich voranzubringen und der weit verbreiteten Korruption ein Ende zu setzen.

Selenskyj will ein neues Image für die Ukraine

In New York wollte Wolodymyr Selenskyj die große Bühne der UN-Vollversammlung, aber auch und vor allem sein Treffen mit US-Präsident Donald Trump nutzen, um zu beweisen, dass die neue Ukraine eine andere sein wird.

Er werde alles dafür tun, "damit sich das Image verändert, dass man die Ukraine nicht immer im Kontext von Korruption erwähnt", sagte der ukrainische Präsident. "Ich möchte, dass diese Werbung in Gänsefüßchen endet. Wir beginnen mit einer neuen Geschichte unseres Landes. Einer normalen."

Aussagen des Präsidenten in der Kritik

Aber wie normal ist es, fragt sich manch einer in der Ukraine heute, wenn der Präsident in einem Telefonat mit Trump davon spricht, dass der nächste Generalstaatsanwalt zu 100 Prozent "sein Mann" sein werde. Sein persönlicher Kandidat.

Wer ein starkes Land wolle, brauche unabhängige Institutionen, meint Iryna Heraschtschenko, die für die Partei des ehemaligen Präsidenten Petro Poroschenko im Parlament sitzt. Und nicht 100 Prozent eigene Leute. Ebenso wenig brauche es Zusagen nach dem Motto: "Was immer Sie wollen, wir kriegen das schnell hin."

Egal, ob Trump Druck auf Selenskyj ausgeübt habe, oder nicht - für die Ukraine sei die Entwicklung der Geschichte in jeder Hinsicht negativ, meint die Journalistin Larissa Woloschyna. "Denn jetzt spielt die Ukraine die Rolle, die Russland in Wirklichkeit spielen sollte", sagt sie. "Ich meine, die Rolle eines Reizfaktors in der Weltpolitik, eines toxischen Landes, mit dem jede Zusammenarbeit oder auch Gespräche zum Skandal führen können."

Mögliche Auswirkungen auf den Friedensprozess

US-Präsident Trump bei einer Pressekonferenz am Rande der UN-Vollversammlung | Bildquelle: JASON SZENES/EPA-EFE/REX
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Das Telefonat mit US-Präsident Trump sorgt national und international für hohe Wellen.

Diskutiert wird auch die Frage, wie förderlich es für den Friedensprozess in der Ukraine wohl sein mag, dass Selenskyj zwar das US-Engagement in den höchsten Tönen lobte, die Arbeit der EU, Deutschlands und Frankreichs, die seit langem zwischen der Ukraine und Russland vermitteln, als unzureichend kritisierte.

Der Politologe Wolodymyr Fessenko glaubt nicht, dass sich die veröffentlichten Aussagen negativ auswirken werden. Sowohl die USA als auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wüssten um die politische Unerfahrenheit des neuen Präsidenten. Sie könnten sein Bestreben, dem US-Präsidenten zu gefallen, sicher nachvollziehen. Aber ein unangenehmes Gefühl werde vermutlich bleiben.

Selenskyj nimmt nichts zurück

Selenskyj selbst steht zu seinen Worten. Niemand habe Druck auf ihn ausgeübt. Er wolle auch über niemanden schlecht reden, sagte er ukrainischen Journalisten. Er sage nur offen und ehrlich seine Meinung:

"Ich habe auch beim Treffen mit Präsident Trump gesagt, dass ich für jede Hilfe von den europäischen Staatschefs, von Frau Merkel, Herrn Macron und vielen anderen dankbar bin. Unser Telefonat hat aber in einer schwierigen Zeit stattgefunden: Russland kehrte in die Parlamentarische Versammlung des Europarats zurück. Es wurde kein richtiger Sanktionsdruck ausgeübt mit Blick auf den Bau von NordStream 2."

In Russland wird all dies sehr genau zur Kenntnis genommen - ohne dass es bisher allerdings kommentiert wird.

Trump-Gate - Reaktionen auf Selenskyjs Äußerungen in der Ukraine
Christina Nagel, ARD Moskau
26.09.2019 14:33 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 26. September 2019 um 13:15 Uhr im Deutschlandfunk in der Sendung "Informationen am Mittag".

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