Stimmabgabe bei Scheinreferendum | EPA

Nach Scheinreferenden in der Ukraine "Wir machen uns alle große Sorgen"

Stand: 26.09.2022 05:04 Uhr

In den russisch besetzten Gebieten im Süden der Ukraine haben viele Menschen Angst vor den Folgen der Scheinreferenden. Das Ergebnis halten sie für Fiktion, vor allem viele Männer sind besorgt.

Von Silke Diettrich, WDR, zzt. Kiew

Wir sollen ihren Namen nicht nennen und auch nicht die Stadt, in der sie lebt. Die junge Frau wohnt in der Region Saporischschja, in einem der Gebiete, das von den Russen besetzt ist. Sie will nicht mitmachen bei der Schein-Abstimmung, noch sei zum Glück auch niemand vorbei gekommen.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Sie hat aber große Angst davor, was in ihrer Stadt nach dieser Schein-Abstimmung passieren könnte: "Bei uns machen sich alle großen Sorgen, besonders wegen der russischen Teilmobilmachung", sagt sie. "Alle verstehen, dass sie auch uns betreffen kann. Wenn man uns an Russland anschließen wird, werden sie dann wahrscheinlich auch unsere Männer einberufen. Es gibt bereits Gerüchte, dass hier Freiwilligenbataillone gegründet werden. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber die Leute reden darüber."

Wahlhelfer mit Soldaten

Viele Bekannte von ihr hätten in den letzten Tagen versucht, die Stadt zu verlassen. Männer zwischen 18 und 35 Jahren allerdings seien an der Ausreise gehindert worden. Seit Freitag haben Schulen und Kindergärten in ihrer Stadt geschlossen, in einigen hätten die Russen nun die Pseudo-Wahllokale eingerichtet.

Bei ihren Eltern hätten schon Wahlhelferinnen vor der Tür gestanden, in Begleitung von Soldaten. Sie seien aber nicht gezwungen worden, abzustimmen. Ihr Cousin hätte ein Kreuz gemacht, für den Verbleib in der Ukraine. Die so genannten Wahlhelfer sollen aber nicht einmal nach Ausweispapieren gefragt haben.

"Ich glaube sowieso, oder eher gesagt: ich bin mir sicher, dass diese Stimmen ohnehin keine Rolle spielen. Alles ist bereits entschieden, die Abstimmung ist eine reine Farce", sagt sie.

Frei nach Stalin

Genauso sieht es auch ein Mann um die 60 aus der Stadt Cherson, der sich per Sprachnachricht über WhatsApp meldet. Die löscht er gleich darauf auf seinem eigenen Telefon, zur Sicherheit. Die Russen könnten alles abhören, sagt er. Sein Name soll nicht genannt werden und er möchte, dass seine Stimme verfremdet wird.

Um die Scheinwahlen zu kommentieren, zieht er ein angebliches Zitat von Stalin heran: "Die Leute, die die Stimmen abgeben, entscheiden nichts. Die Leute, die die Stimmen auszählen, entscheiden alles."

Aber das würden nicht einmal die verstehen, die jetzt zur Wahl gingen. In Cherson, einer Hafenstadt im Süden der Ukraine, seien viele seit Kriegsbeginn geflohen. Vor allem junge Leute und eben die, die für die Ukraine seien:

"Bei denen, die hier sind, wird es sicher viele geben, die dafür sind, zu Russland zu gehören. Auch ohne dazu gezwungen zu werden. Aber das Wahlergebnis wird eine reine Fiktion sein. Das wichtigste ist wohl", sagt er zynisch, "dass die Wahlbeteiligung nicht bei über 100 Prozent liegt."

Abstimmung teils gar nicht möglich

Ganz so weit wird es wohl nicht kommen, aber auch die junge Frau aus Saporischschja erzählt am Ende ihrer Sprachnachricht: "Gestern haben sie hier schon in ihren lokalen Social-Kanälen mitgeteilt, dass die Wahlbeteiligung in der Region Saporischschja bei 80 Prozent Prozent liege. Das ist natürlich Unsinn."

Denn niemand weiß genau, wer überhaupt noch in den Regionen lebt oder wer zuvor geflohen ist. Und in einigen Gebieten wird so stark gekämpft, dass dort eine Abstimmung unter gar keinen Umständen möglich ist.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. September 2022 um 07:35 Uhr.