Vitali Klitschko | AFP
Interview

Russischer Angriffskrieg "Putin will eine Ukraine ohne Bevölkerung"

Stand: 10.10.2022 16:50 Uhr

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko wirft Russland im Interview mit der ARD Völkermord vor. Russland wolle eine Ukraine ohne Einwohner. Doch er sei sich sicher, dass die Ukraine den Krieg gewinnen werde.

tagesschau.de: Wie haben Sie diese Einschläge heute Morgen erlebt?

Vitali Klitschko: Dieser Krieg ist eine große Tragödie für die ganze Ukraine, für Millionen Menschen. Das ist eine Tragödie für ganz Europa und auch für die russische Bevölkerung. Ich bin mehr als sicher, dass die Menschen in Russland eines Tages aufwachen und fragen werden, warum Weltunternehmen wie IBM, SAP, Microsoft, Coca-Cola und McDonalds aus Russland weggehen und der eiserne Vorhang wiederkommt.

Und die wichtigste Frage wird auf jeden Fall dem Präsidenten und der Regierung gestellt werden: Warum ist mein Bruder, mein Sohn, mein Verwandter, mein Bekannter gestorben? Wofür? Das ist ein sinnloser Krieg. Und an dem heutigen Angriff sehen wir, dass es ein Genozid, ein Völkermord ist. Selbst ein Krieg hat Regeln, und heute sind unschuldige Menschen gestorben, Frauen, Kinder, alte Menschen. Putin braucht das Land ohne Bevölkerung. Er braucht eine Ukraine ohne Einwohner.

tagesschau.de: Wir stehen hier im Zentrum von Kiew. Wir sehen die Zerstörungen. Wir sehen die Fensterscheiben, die rausgeflogen sind, und sie haben die Opfer angesprochen, die getöteten Menschen. Was macht das mit ihnen als Bürgermeister?

Vitali Klitschko: Ich mache mir große Sorgen. Ich bin als Bürgermeister verantwortlich für die Sicherheit der Menschen. Ich bin verantwortlich dafür, dass sie Elektrizität, Wasser und Heizung haben. Und das ist eine große Herausforderung nicht nur für die Ukraine, sondern für die ganze Welt. Wir sind alle Russlands Geiseln. Russen versuchen, Territorien zu annektieren, um danach zu sagen, dass sie Teil von Russland sind. Und sie drohen mit Atomwaffen. Das ist wie Piraterie. Ich weiß nicht, wie man es sonst beschreiben könnte. Das ist unmenschlich.

tagesschau.de: Wir sehen die Angriffe ja nicht nur in Kiew, sondern auch in Charkiw, wo Elektrizität, Wasserleitungen ausgefallen sind, in Lwiw, in verschiedenen Teilen der Ukraine. Was erwarten Sie jetzt? Was erwarten ihre Bürgermeisterkollegen von der Welt, von Deutschland, von anderen Staaten?

Vitali Klitschko: Wir hören immer, das sei ein Kampf gegen Nazis, Radikale und Faschisten. Das sei eine Spezialoperation gegen das ukrainische Militär. Ist das eine Spezialoperation gegen Militär, wenn Raketen unschuldige Menschen töten? Das ist eine Lüge. Ich bin mehr als sicher, dass die russische Regierung die Verantwortung tragen wird für solch unmenschliche Taten.

tagesschau.de: Haben Sie eine konkrete Forderung, was jetzt getan werden kann, damit solche Angriffe in dieser Form aufhören?

Vitali Klitschko: Ich habe eine große Forderung an unsere Partner: Jeder sollte unseren Wunsch in diesem sinnlosen Krieg verstehen. Wir wollen Teil der demokratischen, modernen europäischen Familie sein. Russland akzeptiert diesen Wunsch nicht. Es will ein neues großes russisches Reich aufbauen. Wir waren in der Sowjetunion. Wir wollen nicht zurück. Unsere Zukunft liegt in der großen europäischen Familie mit wichtigen Werten wie Menschenrechten, Pressefreiheit, demokratischen Werten. Wir kämpfen nicht nur für unsere Zukunft, sondern auch für diese Werte der modernen Welt. Und wir sind sicher, dass wir diesen Krieg gewinnen werden, denn wir verteidigen unser Land, unsere Städte, unsere Bürger, unsere Kinder und unsere Zukunft.

Das Interview führte Vassili Golod, ARD-Studio Kiew

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Oktober 2022 um 16:00 Uhr.