Eine zerstörte Eisenbahnbrücke im Osten der Ukraine über den Fluss Siwerskyj Donez. | AFP

Ukraine-Krieg Schwere Kämpfe im Osten des Landes

Stand: 30.04.2022 20:03 Uhr

Die russische Armee greift derzeit Charkiw an, hat aber nach westlicher Einschätzung militärische Probleme in der Ostukraine. Einheiten der Regierung sprengten unterdessen eine Eisenbahnbrücke. Ein russischer Güterzug wurde getroffen.

Bei ihren Angriffen auf den Osten und Süden der Ukraine hat die russische Armee offenbar Charkiw beschossen. Ein Mensch sei dabei getötet und fünf verletzt worden, erklärte die Militärverwaltung auf Telegram. "Die Lage in der Region Charkiw ist schwierig", hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj zuvor erklärt.

Allerdings hätte die ukrainische Armee nördlich der Stadt Erfolge erzielt und das "strategisch wichtige" Dorf Ruska Losowa und die Ortschaft Slatyne zurückerobert. "Es waren zwei Monate schrecklicher Angst", sagte eine aus Ruska Losowa geflohene Bewohnerin der Nachrichtenagentur AFP. "Wir waren zwei Monate lang in den Kellern ohne Essen", erzählte ein anderer Einwohner.

In Slatyne seien einem Dorfbewohner zufolge 15 Menschen getötet worden. Diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Menschen, die aus dem Dorf Ruska Losowa geflohen sind, gehen mit ihrem Gepäck zu einem Kontrollpunkt in Charkiw. | dpa

Geflohene Bewohner von Ruska Losowa erreichen einen Kontrollpunkt in Charkiw. Ihr Dorf war von der ukrainischen Armee zurückerobert worden. Bild: dpa

Eisenbahnbrücke gesprengt

Medienberichten zufolge sprengte die ukrainische Armee eine Eisenbahnbrücke im Gebiet Donezk. Dabei sei ein russischer Güterzug getroffen worden, wie die Onlinezeitung "Ukrajinska Prawda" schrieb.

Bei der zerstörten Brücke handelte es sich um eine Verbindung über den Fluss Siwerskyj Donez zwischen den Orten Lyman und Rajhorodok. Die Eisenbahnverbindung nach Lyman, das im Zentrum der Kämpfe in der Ostukraine liege, ist damit zerstört. Die russischen Angriffe auf wichtige Orte in der Gegend seien gescheitert, erklärte der ukrainische Generalstab. Die Kämpfe gingen aber weiter.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Unterdessen wurden unweit des Kiewer Vororts Butscha ukrainischen Angaben zufolge drei weitere Leichen von Zivilisten gefunden. Russische Soldaten hätten die Männer vor ihrem Tod gefoltert, schrieb der Polizeichef des Kiewer Gebiets, Andrij Njebytow, auf Facebook. Die Leichen wiesen etwa Schusswunden an den Ohren auf und seien teils gefesselt und geknebelt gewesen. Sie seien in einem Waldstück nahe des Dorfs Myrozke verscharrt gewesen und erst am Freitag entdeckt worden.

Präsident Selenskyj warf Russland vor, den Donbass und alle dort lebenden Menschen zerstören zu wollen. Die ständigen brutalen Bombardierungen, die Angriffe auf Infrastruktur und Wohngebiete zeigten, dass Russland das Gebiet vollständig räumen wolle, sagte er in seiner nächtlichen Videobotschaft. "Deshalb ist die Verteidigung unseres Landes, die Verteidigung unseres Volkes, buchstäblich ein Kampf um das Leben".

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/29.04.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/29.04.2022

Westliche Militärs: Russland weiter mit Problemen

Britische und US-amerikanische Militärs gehen derzeit davon aus, dass die russischen Streitkräfte ihrem Zeitplan hinterher hinken. Von einem Zusammenschluss ihrer Truppen im nördlichen und südlichen Donbass seien sie noch weit entfernt.

Im Nordosten der Ukraine müsse die russische Armee nach mehreren gescheiterten Vorstößen ihre Kräfte neu zusammenstellen, berichtete das britische Verteidigungsministerium. Sie hätten weiterhin Probleme bei der taktischen Koordination, außerdem funktioniere die Luftunterstützung nicht immer und die Einheiten seien erschöpft - insgesamt könnten die russischen Truppen deshalb ihre Kampfkraft nicht voll ausspielen.

In Mariupol ist eine angekündigte Evakuierung des Asow-Stahlwerks, in dem ukrainische Kämpfer und Hunderte Zivilisten ausharren, nicht zustande gekommen.

Russland will über Ende der Sanktionen sprechen

Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte, die "Spezialoperation" verlaufe "streng nach Plan". Er machte den Westen für die anhaltenden Kämpfe verantwortlich. "Wenn USA und NATO wirklich an einer Lösung der Ukraine-Krise interessiert sind, dann sollten sie zuallererst aufwachen und aufhören, das Kiewer Regime mit Waffen und Munition zu beliefern", sagte er der chinesischen staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua.

Bei den laufenden Verhandlungen mit der Ukraine will Russland nach Lawrows Worten auch über die Aufhebung der westlichen Sanktionen sprechen. "Auf der Tagesordnung der Gespräche stehen unter anderem die Entnazifizierung, die Anerkennung der neuen geopolitischen Realitäten, die Aufhebung der Sanktionen und der Status der russischen Sprache", sagte Lawrow. Russland sei für die Fortsetzung der Verhandlungen, auch wenn diese schwierig seien. Kiew hatte zuletzt davor gewarnt, dass die Gespräche zu scheitern drohten.

Lawrow: Routen für Waffenlieferungen bekannt

Der russische Außenminister sagte außerdem, dass Russland die Routen kenne, über die der Westen Waffen an die Ukraine liefern wolle. Die gelieferten Waffen sollen ihm zufolge zum Ziel der von offizieller Seite so bezeichneten "Spezialoperation" werden, "sobald sie das Territorium der Ukraine erreichen".

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. April 2022 um 09:00 Uhr und 10:00 Uhr.