Leerer Strand in Antalya | REUTERS

Tourismus in der Türkei Kommen die Deutschen wieder?

Stand: 26.03.2019 12:34 Uhr

Die türkische Tourismusbranche hatte eigentlich mit einem Boom für 2019 gerechnet. Die innenpolitische Lage des Landes droht das zu gefährden. Die Bundesregierung hat ihre Reisehinweise verschärft.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Der Strand von Antalya ist um diese Zeit noch leer. Handwerker und Gärtner arbeiten in den Hotelanlagen und bringen alles auf Hochglanz, bevor in ein paar Wochen der große Ansturm kommt - hoffentlich. Denn wie sensibel deutsche Urlauber reagieren, hat sich gezeigt, als Deutschland seine Reisehinweise für die Türkei verschärfte.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Davor hatte der türkische Innenminister Süleyman Soylu gedroht, Teilnehmer bei Demos in Deutschland, die Terrorgruppen unterstützen, an der Grenze abzufangen, wenn sie in die Türkei in den Urlaub reisen.

Leere Geschäftsstraße in Kemer/türkische Riviera | picture alliance / Marius Becker

Die Tourismusbranche fürchtet Einbußen und leere Geschäftsstraße wie in Kemer an der türkischen Riviera. Bild: picture alliance / Marius Becker

Abhängigkeit von politischer Lage

Ein Umstand, über den sich Hotelier Ali Kizildag nicht gerade freut. "Wir sind eine Branche, die von der Politik vollkommen unabhängig arbeitet." Das klappt nur nicht. Es gab eine Buchungsdelle.

Ali Kizildag, der smarte Hotelier im Anzug, läuft mit dem Telefon am Ohr durch den weitläufigen Garten seines Fünf-Sterne-Hotels. Immer wieder erkundigt er sich bei seinen Gästen, ob sie sich wohl fühlen. Dass manche Urlauber zwischenzeitlich bei Türkei-Buchungen zurückhaltend waren, davon hat er nichts mitgekriegt, sagt er, er geht von Einzelfällen aus.

Remziye Zengin ist Vorsitzende der pro-kurdischen HDP in Antalya. Sie hat andere Informationen. Viele Menschen würden derzeit aus Angst nicht in die Türkei reisen, sagt sie.

Diese Angst, dass der, der in die Türkei kommt, im Gefängnis landet, belastet alle. Das hat die Menschen eingeschüchtert.

Einfluss auf Wahlen

Am Sonntag wird in der Türkei gewählt. Zwar geht es nur um Bürgermeister und Stadträte - die AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan muss aber fürchten, dass sie wichtige Städte wie Antalya an die Opposition verliert. Die Äußerungen des AKP-Innenmisters Soylu spielen da mit rein.

Muhsin Taşar, ebenfalls Vorsitzender der HDP in Antalya, geht davon aus, dass sich ein Rückgang in der Tourismusbranche auf die ganze Stadt und damit auch auf die Wahl auswirken könnte:

Ohne Tourismus können keine Restaurants aufmachen, ohne Restaurants können die Gastwirte kein Geld verdienen, die Kellner finden keine Arbeit und können auch nichts verdienen. Ohne Hotels und Restaurants können auch die Zulieferer nichts verdienen.

Das sei dann wie ein Domino-Effekt, meint Taşar. Die Aussage des Innenministers habe alle aus der Tourismusbranche beunruhigt. "Also alle, die in Antalya leben. Vielleicht mit Ausnahme von einigen AKP-Leuten."

Kein Wahlkampf im Fünf-Sterne-Hotel

Die ersten Urlauber, die nach den Krisenjahren 2016 und 2017 zurückkamen, waren überwiegend aus Russland und dem arabischen Raum. Aber Hotelier Kizildag weist aber darauf hin, dass der türkische Tourismus erst mit den deutschen Touristen gewachsen sei. Die türkische Tourismusgeschichte habe mit den deutschen Touristen begonnen und sich mit ihnen entwickelt, sagt Kizildag:

Für uns in der Tourismusbranche ist der Tourismus ohne Deutsche undenkbar. Das ist unvorstellbar.

Mathias Upmann sitzt im weißen Bademantel im Spa-Bereich. Der 52-jährige Unternehmer aus Gütersloh ist einer der wenigen deutschen Gäste. Die verschärfte Reisehinweise habe er gelesen. Er sehe die Lage entspannt.

Ähnliche Problematiken gäbe es auch, wenn man in Ländern wie Thailand Urlaub mache. "Man muss das nicht so hoch hängen."

Die Türkei war für ihn im Preis-Leistungsverhältnis einfach unschlagbar. Vom Wahlkampf draußen kriegt er im Fünf-Sterne-Hotel nichts mit.

"Gäbe es keine Politiker, wäre die Welt eine bessere."

Hotelier Kizildag klopft einem Mitarbeiter auf die Schulter. Er ist schon seit Jahrzehnten in der Branche und geübt in diplomatischen Worten. Nur einmal, mitten in der letzten Tourismuskrise, sei ihm der Kragen geplatzt. "Ich hatte damals gesagt, gäbe es keine Politiker, wäre die Welt eine viel bessere. Ich werde bis zu meinem Tod genau so denken."

Ob die Menschen in Antalya wirklich einen Wechsel wollen, könne er nicht sagen. "Ich bekomme auch nur mit, was die Leute so sagen. Die Opposition sagt: Wir gewinnen. Die Regierung sagt: Wir gewinnen. Und ich sage: Möge der Bessere gewinnen."

Wer für ihn der bessere ist, lässt der Hotelier offen. Er ist bei der Wahl im Ausland, kann seine Stimme also gar nicht abgeben. Es klingt, als hätte er eine Ausflucht gefunden.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 im "Morgenecho" am 26. März 2019 um 09:37 Uhr.