Die 82-jährige Emine Ocak, die den Protest 1995 initiiert hatte, wird von Polizistinnen festgenommen. | Bildquelle: AFP

Verschwundene Inhaftierte Türkei verbietet Mütter-Proteste

Stand: 27.08.2018 17:48 Uhr

Seit 1995 gehen die "Samstagsmütter" in Istanbul auf die Straße, um auf verschwundene Angehörige aufmerksam zu machen. Nun hat die türkische Regierung ein Treffen verboten und aufgelöst.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

Tränengas durchströmt die Seitenstraßen der Istanbuler Einkaufsmeile Istiklal Caddesi am vergangenen Samstagmittag. Ein Großteil ist weiträumig durch Hundertschaften der Polizei abgesperrt, am Rande stehen Wasserwerfer bereit, die später auch zum Einsatz kommen werden.

Zum 700. Mal wollte sich die Gruppe der "Samstagsmütter" am Galatasaray-Platz treffen, mitten auf der Istiklal, im Zentrum des öffentlichen Lebens. Sie demonstrieren hier wöchentlich gegen das Verschwinden ihrer Angehörigen in Polizei- oder Untersuchungshaft und fordern Aufklärung. Doch an diesem Tag wird das Treffen plötzlich verboten. Die Frauen kommen dennoch, zusammen mit hunderten Unterstützern, darunter auch Abgeordnete der Oppositionsparteien HDP und CHP.

Unter den Demonstrantinnen ist auch die 82-jährige Emine Ocak. Ihr Sohn Hasan, ein linker Aktivist, wurde 1995 bei schweren Auseinandersetzungen im Istanbuler Stadtviertel Gazi festgenommen. Wenige Wochen später wurde bekannt, dass er tot ist, vermutlich war er gefoltert worden. Die Hintergründe wurden nie aufgeklärt, wie viele Fälle Mitte der 1990er Jahre. Laut türkischen Menschenrechtsorganisationen verschwanden damals hunderte Menschen in Polizeigewahrsam, überwiegend im Südosten der Türkei.

Auflösung einer Demonstration in Istanbul | Bildquelle: AP
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Polizisten lösen die Demonstration der "Samstagsmütter" in Istanbul auf.

Seit 1995 geht Emine Ocak auf die Straße

Emine Ocak fordert seit dem Tod ihres Sohnes Aufklärung von den Behörden. Bald schlossen sich ihr weitere Frauen und deren Familien an. Am Samstag, den 27. Mai 1995 demonstrierten sie das erste Mal gemeinsam unter dem Namen "Cumartesi Anneleri", "Samstagsmütter". Meist werden bei den Treffen Gedichte vorgetragen und Bilder der Verschwundenen gezeigt.

Nach 1999 mussten die Frauen ihren friedlichen Protest zeitweise aussetzen, da die Polizei die Treffen immer wieder auflöste. Im Jahr 2011 empfing Recep Tayyip Erdogan, damals Ministerpräsident, die "Samstagsmütter" und versprach Aufklärung. Doch passiert ist seitdem nichts.

Süleyman Soylu | Bildquelle: AP
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Der türkische Innenminister Süleyman Soylu unterstellt den Frauen, sie würden von Terrorgruppen instrumentalisiert.

Heute, sieben Jahre später, gibt sein Innenminister, Süleyman Soylu, eine Pressekonferenz und wirft den Frauen vor, von Terrororganisationen instrumentalisiert zu werden. Das Treffen sei in den sozialen Netzwerken auch von Gruppierungen beworben worden, denen er eine Nähe zur verbotenen Kurdenmiliz PKK unterstellte. "Hätten wir etwa die Augen davor verschließen sollen, wenn Mutterschaft von einer Terrororganisation ausgenutzt wird?", begründet Soylu das Verbot der Veranstaltung.

"Samstagsmütter" der PKK-Nähe verdächtigt

Die "Samstagsmütter" und ihre Angehörigen können das nicht nachvollziehen. "Wir agieren nicht für eine Organisation. Soylu kann uns nicht von diesem Platz vertreiben. Seine Arbeit ist es nicht, uns von dort wegzubringen, seine Arbeit ist es, zu kommen und uns zuzuhören. Bitte komm und hör uns zu", sagt einer der Teilnehmer, dessen Bruder verschwunden ist.

Als sie am Samstag dennoch demonstrieren wollten, wurden einige von ihnen kurzzeitig festgenommen, darunter auch die 82-Jährige Ocak. Das Bild von ihrer Festnahme geht später um die Welt.

Auch drei Abgeordnete der pro-kurdischen HDP wollten den Platz nicht verlassen. Die Polizei fasst zwei der Abgeordneten immer wieder an und versucht, sie gewaltsam wegzuziehen. Dass Abgeordnete Immunität besitzen, scheint die Beamten nicht zu kümmern. Erst als einer der Abgeordneten mehrmals hintereinander laut schreit, er sei ein Volksvertreter, wichen die Beamten zurück.

Unterstützer, die an der Versammlung teilnehmen wollten, werden mit Tränengas und Plastikgeschossen in die Seitenstraßen getrieben. Etwa 50 Menschen wurden vorübergehend festgenommen, nach Befragung aber wieder freigelassen.

"Was soll ich meinem Sohn denn sagen?"

Die "Samstagsmütter" haben nun angekündigt, kommendes Wochenende wieder demonstrieren zu wollen - trotz des Verbots. Eine der Frauen, die ihren Sohn vor mehr als 20 Jahren persönlich zu einer Befragung auf die Polizeiwache brachte und ihn seitdem nie mehr gesehen hat, sagt: "Was soll ich meinem Sohn denn sagen, wenn ich ihn auf der anderen Seite wieder treffe? Mein Sohn, ich habe Dich nicht gesucht?"

Polizei geht gegen Mütter-Demo in Istanbul vor
Karin Senz, ARD Istanbul
27.08.2018 17:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in Europa heute am 27. August 2018 um 09:10 Uhr.

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