Onur Akar | Cemal Tasdan / ARD-Studio Istanbul
Reportage

Obdachlos in Istanbul Überleben mit dem "Brot am Haken"

Stand: 29.05.2021 06:36 Uhr

Obdachlose in der Türkei sind weitgehend auf sich allein gestellt. Der Staat kümmert sich nicht, ihre Familien fangen sie anders als früher nur noch selten auf.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Es ist früh am Morgen im Sishanepark in Istanbul. Zwischen Bäumen und Büschen liegt auf einer Bank der vierzig Jahre alte Onur Akar, von weitem aufgrund der Dämmerung kaum zu erkennen. Im Mai ist es um diese Uhrzeit noch etwas kühl am Bosporus. Akar hat Pappkarton auf die Bank gelegt und eine Decke um sich gewickelt. Als die ersten Sonnenstrahlen auf sein Gesicht fallen, wacht er langsam auf, holt seine Turnschuhe aus einer Plastiktüte, die er beim Schlafen unter den Kopf legt - damit sie ihm niemand stiehlt, wie er sagt.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Akar ist einer von geschätzt etwa 8000 auf der Straße lebenden Istanbulern. Seit Beginn der Pandemie hat die Zahl deutlich zugenommen - Akar selbst lebt seit acht Monaten auf der Straße. Vor der Corona-Pandemie arbeitete er in einer Teestube. Sein Gehalt sei bescheiden gewesen, erzählt er: etwas mehr als der Mindestlohn von derzeit etwa 280 Euro pro Monat. Etwas auf die Seite legen - das habe er in den Jahren vor der Pandemie nicht gekonnt, ständig seien die Preise aufgrund der Inflation gestiegen.

Dann musste die Teestube wegen der Coronamaßnahmen schließen. Zwei Monate lang habe er keine Miete bezahlt, der Vermieter habe ständig vor der Tür gestanden. Schließlich habe er ein paar Kleider zusammengepackt und die Türe seiner Wohnung ein letztes Mal hinter sich geschlossen.

Schmerzen und Almosen

Akar versteckt jetzt Pappkarton und Decke in einem Busch neben der Bank und humpelt zu einem Springbrunnen, um sich wie jeden Morgen mit dem grünlich schimmernden Wasser zu waschen. Das sei sein Badezimmer, scherzt er. Das Gehen aber fällt ihm schwer - bei einem Verkehrsunfall habe er sich beide Sprunggelenke gebrochen. Akar berichtet von ständigen Schmerzen, von starken Medikamenten, die er einnehmen müsse, damit er überhaupt laufen könne. Hinter der Bank liegt eine Krücke. Ein Krankenhausarzt habe ihm diese geschenkt.

Obdachlose in der Türkei bekommen kaum staatliche Unterstützung. In den meisten Fällen fangen die engmaschigen Familienstrukturen in der Türkei Mütter und Väter, Schwestern und Brüder, Töchter und Söhne auf. Man leiht der oder dem Nächsten etwas Geld, bis die Krise überwunden ist. Doch die wirtschaftliche Lage des Landes treibt immer mehr Familien in den Ruin. Das Internetportal "Duvar" berichtet immer wieder von Suiziden aufgrund finanzieller Notlagen.

Auch Akar spricht vom Tod: Er habe eigentlich schon aufgegeben, liege bereits im Grab, der Staat helfe ihm nicht, sagt er. Trotzdem humpelt er täglich von seiner nächtlichen Bleibe im Stadtteil Beyoglu über die Unkapani-Brücke in den Stadtteil Fatih. Denn dort bekommt er bei einer kleinen Bäckerei auch mal ein Stück Brot und einen Tee, wenn er keine Lira in der Tasche hat.

Onur Akar | Cemal Tasdan / ARD-Studio Istanbul

Seit acht Monaten auf der Straße: Onur Akar Bild: Cemal Tasdan / ARD-Studio Istanbul

Die Familie kann nicht helfen

In Erzincan, im Osten der Türkei, lebe seine Schwester, erzählt Akar. Auch ihre Familie sei knapp bei Kasse. Dass er obdachlos ist, erzähle er ihr aber nicht. Er wolle niemanden auf der Tasche liegen.

Türkinnen und Türken, denen es besser geht als Akar, spenden in kleinen Lebensmittelgeschäften oder Bäckereien bisweilen Geld. Mittellose bekommen dafür ein "askida ekmek" - frei übersetzt ein "Brot am Haken", und tatsächlich gibt es in manchen Läden solche Haken, an denen eine Plastiktüte mit gespendetem Brot hängt.

Akar nutzt das Angebot häufig, seitdem er obdachlos ist, was allerdings dazu geführt habe, dass er deutlich zugenommen hat. Das Gewicht drücke auf die kaputten Sprunggelenke und bereite ihm zusätzliche Schmerzen. Deshalb nehme er noch mehr Schmerzmittel, die ihm ein Notarzt kostenfrei gegeben habe.

Duschen in der Wäscherei

In Fatih gibt es eine Wäscherei mit Duschen. Immer mehr Obdachlose kämen in den letzten Monaten, berichtet der Besitzer - meist ein oder zweimal in der Woche, lassen ihre Wäsche zur Reinigung dort, duschen sich und ziehen Wäsche an, die sie beim vorherigen Mal zur Reinigung abgegeben haben. In Regalen liegen Stapel von Männerbekleidung, die verschiedenen Kunden gehören.

Wenn ihm jemand etwas Geld geschenkt habe, so Akar, dann sei das meistens nach dem Bäcker sein zweites Ziel. Doch allzu oft komme das nicht vor. Die Menschen hätten meist selbst nicht genug, um mit ihm zu teilen, so der obdachlose Mann. Die wirtschaftliche Lage aufgrund der Pandemie und die hohe Inflation haben dazu geführt, dass die meisten im Land jede Lira zweimal umdrehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 05. Februar 2020 um 18:30 Uhr in der Sendung "Weltzeit".