Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze | REUTERS

Türkische Grenze zur EU "Die Flüchtlinge machen sich auf den Weg"

Stand: 28.02.2020 14:51 Uhr

In der Türkei haben sich Hunderte Menschen auf den Weg Richtung europäischer Grenze gemacht, weil es Berichte über deren Öffnung gibt. Wie stark die Türkei die Übergänge kontrolliert, ist unklar.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Das türkische Fernsehen zeigt Livebilder von Flüchtlingen in einem Schlauchboot. Sie legen an der Ägäisküste ab und wollen auf die griechische Insel Lesbos. Niemand scheint sie zu hindern. Ein anderer türkischer Reporter der Nachrichtenagentur IHA steht am frühen Morgen schon vor einem Aufnahmelager in Aydin an der Ägäis. Es ist noch dunkel. Im Hintergrund sind weiße Busse zu sehen: "Die Flüchtlinge hier machen sich selbstständig auf den Weg. Drinnen sind momentan drei Reisebusse besetzt mit Flüchtlingen. Diese Busse werden jetzt gleich herausfahren."

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Busse organisiert

Auch weiter südlich in Hatay direkt an der syrischen Grenze sollen sich Flüchtlinge selbst Busse organisiert haben. Es kursiert das Gerücht, dass die Türkei Flüchtlinge für ein paar Stunden an den Grenzen nach Griechenland nicht aufhalten will. Angeblich sei das bei einer Krisensitzung nach den tödlichen Angriffen auf türkische Soldaten in der syrischen Region Idlib vergangene Nacht so beschlossen worden. Eine offizielle Bestätigung von der Regierung gibt es nicht.

Ein Sprecher sagte nur, man könne dem Druck durch neu ankommende Flüchtlinge nicht standhalten. Es gebe nur eins, was die Europäische Union tun könne, und das sei, der Türkei zu helfen. Ankara hat auch die NATO angerufen. "Zu Recht", sagt Giray Saynur Derman von der Istanbuler Marmara Universität im türkischen Fernsehen: "Man muss sich an die Spielregeln halten. Das gilt für Russland, aber auch für die USA und die NATO, die in der Pflicht stehen. Sie sollten sich an ihre Unterstützung nicht nur erinnern, wenn es darum geht, sich Flüchtlinge vom Leib zu halten."

33 Soldaten getötet

Die Türkei kämpft in Idlib auf der Seite der syrischen Rebellen gegen das Regime, das von Russland unterstützt wird. Die syrische Armee hat vergangene Nacht 33 Soldaten getötet, heißt es aus Ankara. Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar ist an der Grenze: "Die Luftangriffe erfolgten, obwohl wir die Stellungen unserer Truppenverbände mit den russischen Zuständigen vor Ort vorher koordiniert haben.

Und obwohl wir die russischen Zuständigen nach dem ersten Militärschlag noch mal gewarnt haben, gingen die Angriffe leider weiter. Dabei wurden sogar Krankenwagen beschossen. Und ich muss ausdrücklich darauf aufmerksam machen, dass es während dieser Luftschläge keinerlei bewaffnete Gruppen in Nähe zu den türkischen Stellungen gab."

Ankara reagiert mit Vergeltungsschlägen. "Nach den Angriffen haben wir mit unserer Luftwaffe und Artillerie sofort mehr als 200 Ziele des Regimes beschossen. Unser Beschuss geht weiter. Der Tod unserer Soldaten wird nicht ungesühnt bleiben", sagt Akar.

Nach Angaben des türkischen Fernsehens gehen die Kämpfe weiter. Eigentlich hatten Russland und die Türkei vor Langem eine Waffenruhe für die Region Idlib vereinbart. Seit knapp einem Jahr gibt es allerdings eine Offensive des Regimes. Ankara und Moskau hatten es in den vergangenen Monaten geschafft, sich immer wieder zu einigen. Viele sind skeptisch, ob das auch diesmal möglich ist.

"Sie werden direkt keinen Krieg miteinander führen"

"Russland wird eine direkte Konfrontation mit der Türkei meiden. Deshalb sprechen wir ja auch von einem Stellvertreterkrieg. Russland unterstützt im Hintergrund das Assad-Regime auch militärisch - normalerweise dürfte ein Mitglied des UN-Sicherheitsrats so etwas gar nicht machen. Nichtsdestotrotz sind die Türkei und Russland wirtschaftliche und strategische Partner. Sie werden also direkt keinen Krieg miteinander führen", sagt die Expertin Giray Saynur Derman.

Karte Türkei mit Griechenland und Bulgarien |

Karte Türkei mit Griechenland und Bulgarien

Wegen der Kämpfe in Idlib drängen immer mehr Menschen an die türkische Grenze, die ist allerdings dicht noch. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte immer wieder vor einer neuen Flüchtlingsbewegung gewarnt, die von dort in die Türkei drängen könnte. Und er hat immer wieder gedroht, die Grenzen nach Europa zu öffnen.

Ein Reporter der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu berichtet aus der türkischen Grenzstadt Edirne von einem Feldweg: "Es sind Busse und Taxis mit Istanbuler Kennzeichen hier in Edirne angekommen. Die Flüchtlinge sind erst in Richtung eines Grenzübergangs zu Bulgarien gegangen, und dann zu einem Grenzübergang nach Griechenland. Aber an beiden wurden sie von den Grenzbeamten aufgehalten, da sie nicht die zugelassenen Reisedokumente oder Visa hatten."

Die Flüchtlinge dürften danach versucht haben, über die grüne Grenze also abseits der Übergänge nach Griechenland zu gelangen. Wie stark die Türkei die im Moment kontrolliert, ist nicht klar.

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 28. Februar 2020 um 12:02 Uhr und 13:02 Uhr.