Kämpfer der von der Türkei unterstützten Freien Syrischen Armee nahe der Stadt Afrin | Bildquelle: REUTERS

Türkei bestreitet zivile Opfer "Keinem hat auch nur die Nase geblutet"

Stand: 22.02.2018 13:45 Uhr

Wie viele Zivilisten sind beim Einmarsch der Türkei in Nordsyrien getötet worden? Mehr als 100, sagen Beobachter - kein einziger, sagt hingegen die Türkei. Die Kurdenmiliz YPG fordert unterdessen mehr Unterstützung.

Die türkische Regierung widerspricht Angaben zu getöteten Zivilisten bei der Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien. Es gebe dort "keinen einzigen Zivilisten", sagte Vize-Ministerpräsident Bekir Bozdag, "dem auch nur die Nase geblutet hat, geschweige denn, der ums Leben gekommen ist." Die Türkei werde die Offensive fortsetzen, bis sie die Region von "den Terrororganisationen und ihren Terroristen gesäubert hat".

Nach Angaben der oppositionsnahen syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden bei der Offensive hingegen 112 Zivilisten getötet, darunter 23 Kinder.

Die Ko-Vorsitzende der pro-kurdischen türkischen Oppositionspartei HDP, Pervin Buldan, bezeichnete die Darstellung, nur würden "Terroristen" getötet, als Lüge: "Die Regierung verbreitet Fehlinformationen, wenn sie sagt, dass es keine zivilen Toten gebe." Ihre Partei fordere ein sofortiges Ende des Militäreinsatzes.

YPG will Entsendung von mehr regimetreuen Kämpfern

In der umkämpften Region Afrin haben laut YPG Hunderte Kämpfer regierungstreuer Milizen Position an der Front bezogen, um gemeinsam gegen die türkische Armee zu kämpfen. Allerdings seien nicht genügend Milizionäre entsandt worden, um den Vormarsch stoppen zu können, sagte YPG-Sprecher Nuri Mahmud. Daher müsse die Armee eingreifen und ihre Pflicht erfüllen, die Staatsgrenze zu schützen.

Der türkische Vize-Ministerpräsident Bozdag sagte, sollten Assad-treue Milizen die YPG unterstützen, "dann werden auch sie nicht verschont. Wer auch immer versucht, neben diesen Terrororganisationen gegen die türkischen Streitkräfte zu kämpfen, wird für uns zur Zielscheibe."

Merkel: "Massaker" beenden

Bundeskanzlerin Angela Merkel rief unterdessen zu einem Ende des "Massakers" in Syrien auf. Diese Aufforderung gelte auch den Assad-Verbündeten, "ganz besonders Iran und Russland", sagte sie im Bundestag in einer Regierungserklärung.

Linke und Grüne kritisierten scharf, das Merkel in ihrer rund 20-minütigen Ansprache nicht auf das militärische Eingreifen des Nato-Partners Türkei in Syrien einging.

Nicht nur in Afrin gibt es momentan heftige Kämpfe. Auch die von Aufständischen kontrollierte syrische Region Ost-Ghouta nahe Damaskus steht seit Tagen unter Dauerbeschuss durch Regierungstruppen. Machthaber Baschar al-Assad scheint entschlossen, das zurückzuerobern, in der islamistische Gruppen dominieren.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden dort in den vergangenen drei Tagen Hunderte Zivilisten getötet, mehr als 1500 Menschen wurden demnach verletzt.

Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte

Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (Syrian Observatory for Human Rights, SOHR) sitzt in Großbritannien und will Menschenrechtsverletzungen in Syrien dokumentieren. Sie bezeichnet sich als unabhängig. Die Informationen der Beobachtungsstelle lassen sich nicht unabhängig überprüfen.  

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Februar 2018 u.a. um 05:30 Uhr und 07:30 Uhr.

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