Alte und neue Mauer | Bildquelle: Anne Demmer

Mexikanisch-amerikanische Grenze Hinter Trumps Mauer

Stand: 25.07.2020 16:22 Uhr

Auf der einen Seite der Grenze werden hohe Stahlträger einbetoniert - auf der anderen warten Migranten darauf, dass es endlich irgendwie weitergeht: Mitten in der Corona-Krise lässt Trump weiter an der Mauer zu Mexiko bauen.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Julio López wäscht sich sorgfältig die Hände und reibt sie danach mit Desinfektionsmittel ein. Die Hygieneregeln in der Migrantenherberge Juventud 2000 im mexikanischen Tijuana, direkt an der Grenze zu den USA, sind streng - wegen der Corona-Pandemie.

Die Ansteckungsgefahr sei groß, sagt López. "Wir verlassen die Herberge nicht. Das dürfen wir auch gar nicht - es sei denn, es ist wichtig, so etwas wie ein Arzttermin. Wir sind jetzt schon so lange hier. Viel zu lang."

Der Salvadorianer ist umringt von rund 20 bunten Iglu-Zelten, die dicht an dicht in einer Halle verteilt aufgebaut sind. Eines davon bewohnt er mit seinen beiden Kindern - die Tochter fünf und der Sohn sieben Jahre alt -, seiner Frau und der Schwiegermutter. Wobei ein Viertel des Zeltes bereits von einer großen Reisetasche belegt wird.

Julio Lopez | Bildquelle: Anne Demmer
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Julio López in der Migrantenherberge in Tijuana. Hinter ihm sind die Zelte der Bewohner zu sehen - in einem lebt er derzeit selbst mit seiner Familie.

Ein Jahr Wartezeit

Vor einem Jahr hat Julio López seine Heimat El Salvador verlassen - wegen der Gewalt und den Drohungen der kriminellen Banden, die seine Familie erhalten habe, wie er erzählt. Sein Schwiegervater sei umgebracht worden. Er hofft, dass ihm und seiner Familie Asyl in den USA gewährt wird. Dafür muss er in Mexiko ausharren - eine Vereinbarung, die US-Präsident Donald Trump mit dem Nachbarland getroffen hat.

"Wir haben eine Nummer bekommen", erzählt López. "Da dachte ich noch, dass wir einen Monat später mit unserem Asylantrag schon weiter sein würden." Nun aber warteten sie schon ein Jahr. "Wir hatten einen Termin im Januar, um vor Gericht vorzusprechen. Und dann kam die Pandemie."

Corona verzögert Asylanträge

Ähnlich geht es auch den anderen Familien in der Herberge. Rund 30 weitere Migranten aus Honduras, Nicaragua und El Salvador befinden sich genauso in der Warteschleife und wissen nicht, wie es weitergeht. López will alles ganz richtig machen. Sein Ziel: San Francisco, dort hat er Freunde.

"Ich habe mein Land auf einem ganz legalen Weg verlassen", betont er. "Ich bin nicht wie ein Krimineller geflohen. Ich schulde niemandem etwas. Ich bitte hier ganz legitim um Asyl, ich habe Dokumente." Doch all das hilft ihm nicht. Die Corona-Krise verzögert die Bearbeitung der Asylanträge zusätzlich, da viele US-Gerichte in den vergangenen Wochen nur teilweise oder gar nicht arbeiten.

Die Mauer - kein ganz neuer Plan

Rund zwei Autostunden weiter, in der Grenzregion zwischen Arizona und Baja California, setzt US-Präsident Donald Trump sein großes Wahlversprechen um: eine noch größere, massivere Mauer zu bauen - dort, wo bereits ehemalige Präsidenten wie George Bush und Bill Clinton Anfang der 1990er-Jahre  einen Zaun zwischen den USA und Mexiko hochgezogen haben, denn so neu ist Trumps Plan am Ende nicht.

Die neue (vorne) und alte Mauer (hinten) an der Grenze zwischen den USA und Mexiko | Bildquelle: Anne Demmer
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Der alte Zaun an der Grenze (hier im Hintergrund) weicht einer Mauer aus hohen Stahlträgern.

Hier wird der alte Zaun mit Gabelstaplern abgebaut und durch rund neun Meter hohe rostbraune Stahlträger, die in den Boden einbetoniert werden, ausgetauscht. Die amerikanische Border Patrol fährt auf und ab. Durch schmale Lücken zwischen den Stahlträgern sieht man auf der amerikanischen Seite einen Arbeiter den Beton mischen. Vor einem Monat hätten die Bauarbeiten angefangen, ruft er herüber. 30 Meilen werde seine Firma hochziehen. Er strahlt dabei.

Seine Mutter sei Mexikanerin, sein Vater Amerikaner, erzählt er. Er baut also eine Mauer gegen seine eigenen Landsleute, dessen ist er sich bewusst. Er zuckt mit den Schultern. Er brauche diese Arbeit, sagt er. "Für mich ist es nur ein Job." Dann wendet er sich wieder dem Betonmischer zu. So sieht sein American Dream aus.

San Luis, Arizona: US-Präsident Donald Trump besichtigt die Mauer an der mexikanisch-amerikanischen Grenze im Juni 2020. | Bildquelle: AFP
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US-Präsident Donald Trump bei einer Besichtigung der Mauer in San Luis, Arizona. Der Bau geht voran - für Trump ein wichtiges Argument im Wahlkampf.

Für Trump geht es um den Wahlsieg

Die Bauarbeiter hämmern und schweißen an der Mauer, die für Trump die Migranten fernhalten und ihm trotz der schlechten Umfragewerte am Ende doch noch den Wahlsieg bescheren soll. Laut der Zoll- und Grenzschutzbehörde der Vereinigten Staaten sollen rund 390 Kilometer bereits fertiggestellt sein.

Mario Hernández Gonzalez sieht die Mauer täglich wachsen. Er lebt seit 18 Jahren an der Grenze. Migranten, die sie überwinden wollen, kommen unmittelbar am Haus des 81-Jährigen vorbei. "Sie sind teilweise völlig mittellos, haben nichts zu essen", erzählt er. "Ich gebe ihnen meistens einen Taco und Wasser. Sie versuchen dann, hinüberzukommen. Aber es gibt auch Menschen, die wieder umkehren. Es wird für die Leute immer schwerer." Die Präsenz des US-Grenzschutzes sei massiv.

Mario Hernandez Gonzalez mit Frau | Bildquelle: Anne Demmer
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Mario Hernández Gonzalez - hier mit seiner Frau - lebt in der Nähe der Mauer. Für die Migranten werde es immer schwieriger, die Grenze zu überqueren, sagt er.

"Es wird keine Mauer geben, die sie aufhalten kann"

Zurück in der Migrantenherberge in Tijuana. Es ist Mittagszeit, die Bewohner holen sich - einer nach dem anderen - mit "gesundem" Abstand ihr Mittagessen. José Maria García Lara hat die Herberge aufgebaut, er kennt die Geschichten der Migranten. Waren es früher vorwiegend junge Männer, sind es jetzt ganze Familien mit kleinen Kindern, die bei ihm stranden.

Seit drei Monaten herrscht bei ihm Aufnahmestopp, erklärt der Leiter der Herberge. "Die Mehrheit der Unterkünfte in Tijuana musste für Neuankömmlinge schließen, um die Bewohner, die bereits da sind, vor einer Corona-Infektion zu schützen. Aber wir denken schon darüber nach, wieder zu öffnen."

Auch während der Pandemie stehen regelmäßig Migrantinnen und Migranten vor der Tür, die Hilfe benötigen. Es sind durchschnittlich 60 Menschen, die jeden Tag aus den USA über die Grenze nach Tijuana abgeschoben werden. Vor zwei Monaten waren es um die 80 täglich. Aber auch aus Mexiko werde weiter abgeschoben.

Die Pandemie werde lediglich als Rechtfertigung für die Schließung der Grenze genutzt, ärgert sich García Lara. "Aber die Menschen, die sich in Richtung Norden aufgemacht haben, werden immer einen Weg finden, über die Grenze zu kommen. Es wird keine Mauer geben, die sie aufhalten kann." Nur die wenigsten würden aufgeben, wenn ihr Asylantrag abgelehnt wird.

10.000 Dollar für den Schlepper

Wer das Geld zusammenbekommt, versucht es mit einem Schlepper: Für 10.000 Dollar bringt er Menschen über die Grenze. Sie nehmen gefährlichere Routen, dort, wo die Drogenkartelle aktiv sind. Oder sie laufen Gefahr, von den Schleppern mitten in der Wüste einfach ausgesetzt zu werden.

Für den Salvadorianer López ist das keine Lösung. Er glaubt weiter fest daran, dass ihm Asyl gewährt wird:

"Wir können nicht zurück, auch wenn die Türen für uns gerade geschlossen sind. Wir werden so lange warten, bis die Grenze wieder geöffnet wird. Ich muss das jetzt für meine Familie machen. Ich will sie nicht dieser kritischen Situation in unserem Land aussetzen, diesen Drohungen. Meine Kinder sind hier glücklich, selbst hier in diesem Zelt. Und sie können noch glücklicher werden, wenn Gott das will."

Währenddessen beenden die Arbeiter auf der amerikanischen Seite der Grenze ihren Tag. Sie sind nicht so weit mit der neuen Mauer gekommen, wie sie dachten. Deswegen reiht ein Gabelstapler die alten Mauerelemente, die am Morgen abgebaut wurden, wieder sorgfältig auf - damit auch am diesen Tag die Grenze dicht bleibt.

Hinter Trumps Mauer - Reportage von der mexikanisch-amerikanischen Grenze
Anne Demmer, ARD Mexiko-City
25.07.2020 14:02 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Juli 2020 um 13:30 Uhr.

Korrespondentin

Anne Demmer  | Bildquelle: Klaus Dieter Freiberg Logo rbb

Anne Demmer, rbb

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