Mevlüt Cavusoglu | Bildquelle: dpa

US-Streit mit der Türkei Trump-Tweets wecken böse Erinnerungen

Stand: 14.01.2019 15:29 Uhr

Nach der Drohung von US-Präsident Trump, die Türkei "wirtschaftlich zu zerstören", wächst die Angst vor einem Lira-Verfall. An der geplanten Offensive gegen die Kurden hält Ankara dennoch fest.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Mit seiner Drohung via Twitter, die Türkei "wirtschaftlich zu zerstören", wenn sie die Kurden attackiert, hat US-Präsident Donald Trump mal wieder ordentlich verbal in Richtung Ankara gefeuert. Die Antwort der türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu kam umgehend:

"Wir sehen, dass Herr Trump gegen Schwierigkeiten anzukämpfen hat. Diverse Sicherheitsberater setzen ihn unter Druck und raten ihm von einem Abzug aus Syrien ab. Nichtsdestotrotz kommunizieren strategische Partner und Verbündete nicht via Twitter oder über soziale Medien. Wir sollten weiterhin direkt miteinander über diese Fragen reden."

Scharfe Tonalität

Aber auch der Sprecher des türkischen Präsidenten, Ibrahim Kalin, reagierte auf Twitter. Die Türkei erwarte, dass die strategische Partnerschaft nicht durch Terrorpropaganda überschattet wird. Es sei ein fataler Fehler, die syrischen Kurden mit der kurdischen PKK und ihrem syrischen Ableger YPG gleichzusetzen. Beide stuft die Türkei als Terrororganisationen ein.

Trotz der scharfen Töne versucht sich Außenminister Cavusoglu auch in Gelassenheit: "Wir haben mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass wir uns aus solchen Drohungen nichts machen und keine Angst haben. Der Türkei wirtschaftlich zu drohen, führt zu nichts. Wir sollten uns eher darauf konzentrieren, wie wir diese Angelegenheit koordinieren und lösen."

Lira mit zeitweisen Kursverlusten

Ganz so folgenlos scheinen Trumps Drohungen nicht zu sein - zumindest nicht an den Märkten, wie der Istanbuler Wirtschaftsexperte Baris Soydan erläutert: "Die Drohung zeigt, dass die türkisch-amerikanischen Beziehungen sich, anders als allgemein angenommen, vielleicht doch noch nicht gebessert haben. Zumindest dieser Eindruck ist jetzt entstanden bei globalen Investoren und auf den internationalen Märkten."

Die türkische Lira verlor am Morgen im Vergleich zum Dollar vorübergehend an Wert. Die staatsnahen türkischen Medien versuchten zu beschwichtigen. Der Wirtschaftsexperte Artunc Kocabalkan führte im Fernsehen gleich drei Gründe für den Kursverlust an:

"Diese Woche wird die Zentralbank auch über den Leitzins entscheiden, außerdem gibt es Unsicherheiten auf den ausländischen Märkten, insbesondere in China. Von dort kommen schlechte Werte, das fördert negative Umstände global. Und dann noch Trumps Tweet. Nach diesen drei Negativ-Ereignissen in kurzer Zeit ist nur normal, dass jetzt die Türkische Lira und die Börse schwächeln. Ich denke nicht, dass es ins Extreme umschlagen wird - kurzfristig zumindest."

Böse Erinnerungen werden wach

Kopie einer 200-Lire-Banknote in einer Wechselstube in Istanbul | Bildquelle: dpa
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Die türkische Lira gerät bereits das zweite Mal binnen Jahresfrist unter Druck.

Viele fühlen sich aber bereits an die Finanzkrise im vergangenen Sommer erinnert. Damals war der Kurs der Lira massiv abgesackt, nachdem Trump wegen des Streits um den US-Pastor Andrew Brunson mit Sanktionen gedroht hatte. Brunson war in der Türkei festgehalten worden. Die Sanktionen kamen, und Brunson durfte einige Wochen später ausreisen. Die Lira hat sich seitdem nicht komplett erholt.

Wirtschaftsexperte Soydan sieht die Entwicklung kritischer, als der Wirtschaftsexperte im regierungsnahen Fernsehen: "Ich denke, diese Drohung hat das Potenzial zu großen Auswirkungen. Gleich nach den Tweets von Herrn Trump, hat es einen plötzlichen und rasanten Verlust bei der Lira gegeben."

Im Sommer hatte auch die Türkei mit Gegensanktionen reagiert. Davon ist im Moment noch keine Rede, so Soydan:

"Noch ist es eine Drohung, auf die die Türkei bislang nur zurückhaltend reagiert hat. Offenbar will sie die Situation nicht eskalieren lassen. Wichtig ist, welche Haltung die Türkei jetzt einnimmt. Deswegen werden die Märkte vielleicht noch abwarten wollen, und es kommt zunächst nicht zu einer Krise wie im vergangenen Sommer. Aber allein schon, dass die Lira gegenüber dem US-Dollar einen Wert von über 5,50 erreicht hat, ist angesichts der türkischen Wirtschaft kein gutes Zeichen."

Sicherheitskorridor als Lösung?

Und die Türkei will an ihrer geplanten Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien festhalten. Erdogans Sprecher Kalin erklärte, Terroristen könnten nicht Partner und Verbündete der USA sein. Man werde weiter gegen sie kämpfen.

Trump hatte allerdings in seinem Tweet auch die Kurden dazu aufgerufen, die Türkei nicht zu provozieren. Er schrieb von einer Sicherheitszone von etwa 32 Kilometern. Im türkischen Fernsehen spekuliert der Politikwissenschaftler Ragip Kutay Karaca:

"Man muss natürlich erstmal abwarten, wie sich diese Sicherheitszone gestalten soll. Werden die Amerikaner die Kontrolle übernehmen und dann an die Türkei abgeben? Wir müssen uns natürlich auch gut überlegen, welche positiven und negativen Auswirkungen die Übernahme einer solchen Zone angesichts internationalen Rechts für die Türkei haben werden. Ich bin der Meinung, dass das im Rahmen eines UN-Mandats geschehen sollte."

Trump blieb nicht nur zur Sicherheitszone Details schuldig. Auch wie die Sanktionen aussehen könnten, sagte er nicht.

Neuer Wirtschaftsstreit zwischen Türkei und USA droht
Karin Senz, ARD Istanbul
14.01.2019 14:41 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. Januar 2019 um 13:28 Uhr.

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Karin Senz, SWR

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