Titanic

30 Jahre nach dem Fund des Titanic-Wracks Vom Massengrab zur Müllkippe

Stand: 01.09.2015 11:33 Uhr

Vor 30 Jahren fand Robert Ballard das Wrack der Titanic. Aber sein Auftraggeber, das Pentagon, freute sich zunächst gar nicht darüber, denn Ballard war eigentlich in geheimer Mission unterwegs. Inzwischen ist das Wrack zum Touristen-Magneten geworden - zum Leid des Entdeckers.

Von Georg Schwarte, ARD-Hörfunkstudio New York

Es ist der 1. September 1985, gegen zwei Uhr morgens. Der Ozeanograph Robert Ballard und sein Team halten damals den Atem an. Die Kamera ihres Miniroboters zeigt 3800 Meter unter der Meeresoberfläche Bilder von einem riesigen Dampfkessel. Jubel bricht aus an Bord des Forscherschiffes - 350 nautische Meilen vor Neufundland.

"Wir waren direkt über dem Dampfkessel. Und wir hatten das Bild von dem Kessel an der Wand hängen. Wir wussten also: Wir hatten es gefunden", sagt Ballard. Es, das war das Wrack der Titanic. Eine Sensation. Aber eine, über die sie sich damals vor allem im amerikanischen Verteidigungsministerium nicht wirklich freuen konnten.

"Das Witzige war, im Pentagon schäumten sie und sagten mir: Du solltest die Titanic doch gar nicht finden, sondern nur so tun, als würdest Du sie suchen", erzählt Ballard weiter.

Suche nach Titanic war nur Tarnung

Der Entdecker Ballard hatte vom Pentagon nämlich eigentlich Geld und den Auftrag bekommen, zwei während des Kalten Krieges vor der kanadischen Küste gesunkene amerikanische U-Boote mit Nuklearsprengköpfen an Bord zu orten. Die angebliche Suche nach der Titanic war nur die offizielle Tarnung, um die damalige Sowjetunion, den Ostblock, abzulenken.

Roue der Titanic
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Diese Grafik zeigt die Transatlantikrouten von 1912.

Das Ergebnis: Die Titanic war gefunden. Ein Massengrab, eine Gedenkstätte für die über 1500 Opfer, Männer, Frauen und Kinder, die damals in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 zusammen mit dem angeblich unsinkbaren Wunderwerk des Schiffbaus untergegangen waren - zwei Stunden und vierzig Minuten nachdem die Titanic einen Eisberg gerammt hatte.

"Müll, überall liegt Müll da unten"

Als der Entdecker das Wrack allerdings 20 Jahre nach seiner  Ortung erneut mit einem Miniroboter besichtigte, war er schockiert: "Müll, überall liegt Müll da unten. Wenn man einen historischen Ort besucht, hinterlässt man keinen Müll", berichtet Ballard.

Das Massengrab, es ist zur Kulisse verkommen. Bergungsunternehmen raubten Hunderte von Gegenständen. Kommerzielle U-Boottouren für 63.000 Dollar pro Teilnehmer ruinieren den Rumpf des 103 Jahre alten Ozeanriesen. Auf Videobildern sieht man Risse im Deck, die Löcher, sagt der Forscher: "Das sind die Stellen, wo die U-Boote aufsetzen, das Deck aufreißen."

Ballard will Unterwasser-Museum errichten

Für den Forscher eine Tragödie. Eine Gedenkstätte geschändet. Grabräuber würden das Schiff plündern, die Hülle ruinieren, ein Massengrab in eine Müllkippe verwandeln. Er habe nichts dagegen, sagt Robert Ballard, dass die Leute das Schiffswrack besichtigen, aber es gehe schließlich auch niemand in den Louvre, um dort der Mona Lisa seinen Finger ins Auge zu stecken.

30 Jahre nach dem Fund der Titanic hat der Forscher Ballard jetzt einen neuen ehrgeizigen Plan. Er will das Schiffswrack unter Wasser mit Rostschutzfarbe streichen und ein virtuelles geschütztes Unterwasser-Museum eröffnen, damit der historische Ort endlich Gedenkstätte werde und auch bleibe. "Wer heute das Schlachtfeld von Gettysburg besucht", sagt der Forscher zur Begründung, "bringt ja auch keine Schaufel mit".

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