Dampf steigt in Huy (Belgien) aus dem Atomkraftwerk Tihange des Betreibers Electrabel. | Bildquelle: dpa

Marode Atomanlage in Belgien Tihange 1 gefährlicher als bislang bekannt

Stand: 01.02.2018 08:59 Uhr

Seit Jahren gilt der marode belgische Atomreaktor Tihange 2 unweit der deutschen Grenze als Risikofaktor. Nun häufen sich nach WDR-Informationen im Reaktor Tihange 1 sogenannte Vorläuferereignisse.

Von Mathea Schülke, Jan Schmitt und Jürgen Döschner, WDR

Viele Katastrophen kündigen sich an, haben Vorläufer, die auf das drohende Unheil hinweisen. Das gilt auch für die Atomkraft. Hier sprechen die Techniker von "Precursors" - zu Deutsch Vorboten: "Ich erinnere daran, dass Tschernobyl einen Vorläufer hatte, nur nicht beachtet wurde. Tschernobyl hätte nicht stattfinden können und nicht stattfinden dürfen, wenn man sachgerecht Untersuchungen durchgeführt hätte, also eine Precursor-Analyse", sagt Manfred Mertins, langjähriger Mitarbeiter der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, GRS.

Precursor-Analysen sind also enorm wichtig. Die GRS selbst spricht von "Vorboten für Schäden im Reaktorkern". In vielen Ländern werden sie seit Jahren systematisch erfasst. Dem WDR liegt nun ein Schreiben der Brüsseler Atomaufsicht vor, in dem erstmals Zahlen über Precursor-Ereignisse in belgischen Atomkraftwerken genannt werden. Demnach gab es hier zwischen 2013 und 2015 insgesamt 14 Precursor-Fälle - davon mehr als die Hälfte in dem Reaktor Tihange 1.

Atomexperte Mertins ist alarmiert: "Precursor kann man schon als einen Indikator für den Sicherheitszustand der Anlage einstufen. Die Anzahl der Precursor zeigt, dass wir hier gegenüber anderen Anlagen in Belgien eine deutliche Häufung haben, so dass man schon allein aus diesem Indikator heraus feststellen kann, dass die Sicherheit der Anlage Probleme aufweist."

Bundesregierung wiegelt ab

Der ehemalige Chef der deutschen Atomaufsicht im Bundesumweltministerium, Dieter Majer, drückt es noch drastischer aus: "Diese Zahlen sind erheblich höher als üblich. Da müssen eigentlich die Alarmglocken bei allen Verantwortlichen angehen - sowohl bei den Betreibern in Belgien, bei der Behörde in Belgien und auch bei den Nachbarländern, also auch beim deutschen Bundesumweltministerium."

Die Bundesregierung jedoch wiegelt ab. Atomsicherheit sei Angelegenheit der jeweiligen Regierungen, so das Umweltministerium gegenüber dem WDR. Im Übrigen seien Precursor nicht geeignet, um daraus "direkte Rückschlüsse auf das Sicherheitsniveau einer Anlage zu ziehen". Fast wortgleich äußert sich auf Anfrage die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC.

Klare Stellungnahme der EU zu Vorläufern

Dem widersprechen aber nicht nur die Atomexperten Majer und Mertins. In einem Bericht der EU-Kommission von 2009 heißt es: "Aus den Erfahrungen ergibt sich, dass schweren Unfällen in der Regel relativ harmlose Vorläuferereignisse vorausgehen, und dass eine signifikante Verschlechterung des Zustandes der Anlagen oder der Sicherheitskultur in der Regel aus frühen Anzeichen erkennbar ist."

Precursor-Ereignisse können also durchaus ein Zeichen für Mängel an der Anlage oder beim Personal sein - zumal wenn es so viele sind und weitere Probleme wie etwa häufige Reaktorschnellabschaltungen und lange, außerplanmäßige Stillstände, hinzu kommen. So ist es im Fall von Tihange 1.

Forderungen nach Abschaltung

"Man muss feststellen, dass das Risiko der Anlage Tihange 1 vergleichbar ist mit dem Risiko der beiden anderen genannten Anlagen - Doel 3 und Tihange 2. Man müsste hier deswegen darauf dringen, die Anlage in überschaubarer Zeit abzustellen", schlussfolgert Nuklearexperte Mertins.

Obwohl man im Umweltministerium nach eigenem Bekunden über die Precursor-Fälle in Belgien informiert ist, spielt Tihange 1 in den öffentlichen Stellungnahmen der Bundesregierung bislang keine Rolle. Ein grobes Versäumnis, meint Sylvia Kotting-Uhl, Atomexpertin der Grünen im Bundestag: "Die Bundesregierung müsste in ihrer Verantwortung für den Schutz der Bevölkerung darauf drängen, dass untersucht wird, was mit diesem Reaktor los ist. Warum hat er diese vielen Vorfälle? In der Konsequenz müsste er dann eventuell auch abgeschaltet werden." Zudem müsse nach Ansicht der grünen Atomexpertin jetzt auch noch einmal neu über die Lieferung deutscher Brennelemente an Doel und Tihange nachgedacht werden.

Das ARD-Magazin "Monitor" berichtet ab 21.45 Uhr ausführlich über dieses Thema.

Atomkraftwerk Tihange gefährlicher als angenommen
J. Döschner, WDR
01.02.2018 08:24 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Februar 2018 um 08:39 Uhr.

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