Swetlana Tichanowskaja, ehemalige Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen in Belarus, spricht bei einer Pressekonferenz.  | Bildquelle: dpa

Tichanowskaja Belarusische Oppositionsführerin in Berlin

Stand: 05.10.2020 09:00 Uhr

Die belarusische Oppositionelle Tichanowskaja führt im Exil in Litauen ihre Arbeit für die Demokratiebewegung und gegen Präsident Lukaschenko fort. Nun will sie sich mit Kanzlerin Merkel in Berlin beraten.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

"Ich, Swetlana Tichanowskaja, bin die einzige Anführerin, die vom belarusischen Volk gewählte wurde." Es war die klare Antwort auf die unangekündigte Amtseinführung Alexander Lukaschenkos vor gut eineinhalb Wochen. Die Botschaft kam wie gewohnt über Tichanowskajas Telegram-Kanal, der in Anlehnung an den Kanal des Präsidenten "Pul Pervogo" - "Pul Pervoj" hieß. Sinngemäß: Der Nachrichtenpool der ersten im Staate.

Dabei geht es Tichanowskaja gar nicht darum, wirklich Präsidentin zu sein, wie sie immer wieder betont: "Es ist bekannt, dass ich diesen Weg nicht gewählt habe. Ich wollte nie Politikerin werden, aber durch den Willen des Schicksals stand ich vor einer Wahl. Einer Wahl zwischen Freiheit und Angst, zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Liebe zum eigenen Land und Gehorsam gegenüber dem System."

Exil in Litauen

Eine Wahl, die sie persönlich viel gekostet hat. Weil sie sich geweigert hatte, das offizielle Ergebnis anzuerkennen, laut dem sie die Präsidentenwahl gegen Lukaschenko haushoch verloren haben soll, musste Tichanowskaja das Land verlassen. Die Behörden hatten offensichtlich massiven Druck auf sie ausgeübt. Seitdem sitzt sie in Litauen im Exil.

Über die zahlreichen Nachrichten und Videobotschaften auf ihrem Online-Kanal bleibt sie aber mit ihren Anhängern verbunden. Und die lassen bei den landesweiten Großkundgebungen keinen Zweifel daran, wer für sie die "wahre Präsidentin" ist - wie eine Demonstrantin betonte: "Ja, wir denken, dass sie bei den Wahlen gewonnen hat. Obwohl die Situation so schwierig ist, sind wir für sie. Für Swetlana und für die Zukunft unseres Belarus."

EU verurteilte Amtseinführung Lukaschenkos

Mittlerweile hat sich die 38-Jährige mit zahlreichen diplomatischen Vertretern europäischer Länder und auch Staats- und Regierungschefs getroffen. Ganz im Gegensatz zu Lukaschenko, dessen Amtseinführung vonseiten vieler westlicher Staaten nicht anerkannt wird - und der vor allem die Nähe zu Russland sucht.

"Die europäischen Länder unterstützen das belarusische Volk bei seiner Forderung, die Gewalt zu stoppen, politische Gefangene freizulassen und neue, faire und transparente, Wahlen abzuhalten", erklärte Tichanowskaja nur wenige Tage nach ihrem Besuch in Brüssel.

Treffen mit Merkel in Berlin

Dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron war es bei seinem Besuch in Litauen in der vergangenen Woche sogar ein persönliches Anliegen, die belarusische Oppositionsführerin zu treffen. Dabei drückte er nicht nur seine Bewunderung für ihren Mut aus. Macron versprach auch, sich für die Belange des belarusischen Volkes einzusetzen und bot sich als Vermittler an.

Nun soll am Dienstag ein Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin folgen. Am Montagabend nimmt die Oppositionsführerin zunächst an einer Podiumsdiskussion der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde teil.

Vor wenigen Tagen änderte Tichanowskaja übrigens den Namen ihres Telegram-Kanals: Von "Pul Pervoj" in "Swetlana Tichanowskaja". Sie sei keine Präsidentschaftskandidatin mehr und müsse mit niemandem mehr konkurrieren, heißt es in der Begründung. Daher wolle sie nur noch in ihrem eigenen Namen sprechen.

Swetlana Tichanowskaja: Die eigentliche Präsidentin von Belarus?
Martha Wilczynski, ARD Moskau
05.10.2020 07:54 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 05. Oktober 2020 um 05:37 Uhr.

Darstellung: