Bashar al Assad | Bildquelle: AP

Geheime Fahndungsdatei Syrien hat Hunderte Deutsche auf der Liste

Stand: 08.03.2017 09:00 Uhr

Das Assad-Regime hat Hunderte Deutsche erfasst. In der geheimen Datenbank, die dem NDR zum Teil vorliegt, werden Politiker, Wissenschaftler und Journalisten aufgelistet. Gegen manche gibt es in Syrien sogar einen Haftbefehl.

Von Volkmar Kabisch und Amir Musawy, NDR

Es war der bisherige Höhepunkt seiner Karriere: roter Teppich, Blitzlichtgewitter, Hollywood-Stars um ihn herum - und mittendrin der Filmemacher und Fotograf Marcel Mettelsiefen. Mit seiner Dokumentation "Watani - My Homeland" war er für den Oscar nominiert. In dem Film geht es um eine Familie aus Aleppo, die es schafft, aus dem Bürgerkrieg in ihrer syrischen Heimat nach Deutschland zu fliehen. Der Filmemacher begleitete die Familie vom Rebellengebiet in Aleppo bis nach Deutschland mit der Kamera.

Und doch soll mit seiner preisgekrönten Berichterstattung aus dem Bürgerkriegsland jetzt Schluss sein - jedenfalls, wenn es nach dem Regime um Machthaber Bashar al-Assad geht. Denn der syrische Militärgeheimdienst hat gegen den Berliner Filmemacher einen so genannten Entry Ban verhängt: Mettelsiefen darf nicht mehr nach Syrien einreisen. So steht es auf einer geheimen Fahndungsliste des Regimes, die der NDR mit der oppositionsnahen syrischen Online-Plattform Zaman al-Wasl ausgewertet hat.

"Watani"-Filmemacher Marcel Mettelsiefen (rechts), Produzent Stephen Ellis und die Protagonistin Hala Kamil | Bildquelle: dpa
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"Watani"-Filmemacher Marcel Mettelsiefen (rechts), Produzent Stephen Ellis und die Protagonistin Hala Kamil

Szene aus Watani: My Homeland | Bildquelle: dpa
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In der Sparte "Kurz-Dokumentarfilm" ging Marcel Mettelsiefen mit seinem Flüchtlings-Film "Watani: My Homeland" ins Oscar-Rennen.

Kritische Journalisten sollten auf diese Weise ferngehalten werden, glaubt Mettelsiefen. Dies bedeute, dass "die einzigen Bilder, die noch herauskommen, die Bilder sind, die auch rauskommen sollen. Und zwar politisch gefärbte Bilder. Den Preis zahlt die Zivilbevölkerung, die in einen Sack gepackt wird mit all denjenigen Menschen, die für das große Unheil verantwortlich sind."

In drei Kategorien aufgelistet

"Mettelsiefen ist einer von mehr als 500 Deutschen, die auf der geheimen Liste aufgeführt sind. Dabei gliedern sich die Fahndungsausschreibungen in drei Kategorien. Bei den allermeisten Deutschen will einer der syrischen Inlandsgeheimdienste über die eventuelle Einreise informiert werden. Anderen, die wie Mettelsiefen mit einem Entry Ban belegt sind, bleibt sehr wahrscheinlich ein Besuch des Landes grundsätzlich verwehrt. In dieser Kategorie finden sich zahlreiche deutsche Journalisten wie Wolfgang Bauer von der Wochenzeitung "Die Zeit" oder der Chefredakteur der Zeitschrift "Zenith", Daniel Gerlach.

Eine dritte Kategorie listet diejenigen Deutschen auf, gegen die in Syrien sogar ein Haftbefehl erlassen wurde. Gleich zweimal aufgeführt ist der Videojournalist Kurt Pelda, der auch mehrfach für die ARD aus Syrien berichtete. Der gebürtige Schweizer würde bei einer Verhaftung wohl direkt an den Militärgeheimdienst übergeben werden.

"Das zeigt das Gesicht oder besser gesagt die Fratze dieses Regimes. Das ist ein brutales, totalitäres Regime. Das zeigen diese Papiere ganz eindeutig. So viele Journalisten, die ja niemandem weh tun. Das sind ja keine Verbrecher", sagte Pelda in einer ersten Reaktion gegenüber dem NDR.

Liste seit Jahrzehnten vorhanden

Der geheime Datensatz umfasst insgesamt rund 1,6 Millionen Einträge bis zum Beginn des Jahres 2015 von Menschen aus mehr als 150 Nationen. Er reicht bis in die 1960er-Jahre zurück. Dem Investigativ-Ressort des NDR liegen die Listen der deutschen, französischen und britischen Staatsangehörigen vor. Darin finden sich - neben Diplomaten, Militärs oder einfachen Studenten - auch Nahost-Korrespondenten internationaler Medien aus den USA und Europa.

Fahndungsliste des syrischen Geheimdienstes | Bildquelle: NDR
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Fahndungslisten des syrischen Geheimdienstes

Die Datensammlung zeigt eindringlich, mit welchen Kompetenzen die Geheimdienste in Syrien ausgestattet sind und mit welcher Macht sie im Land agieren können. Nur ein Bruchteil der Ausschreibungen stammt etwa von Justizbehörden, also zivilen Einrichtungen. Etwa 95 Prozent sind Eintragungen der diversen Nachrichtendienste des Landes.

So auch im Fall von Volker Perthes: Der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik aus Berlin wurde 2005 durch die so genannte General-Geheimdienstverwaltung auf die Liste gesetzt. Schriftlich oder telefonisch solle sofort sein genauer Aufenthaltsort mitgeteilt werden. So steht es in der Spalte "Notizen". Perthes engagiert sich zurzeit an einer Friedenslösung für Syrien.

Die syrische Regierung will sich zu der Datenbank offenbar nicht äußern. Sie ließ eine Bitte um Stellungnahme unbeantwortet.

Über den Inhalt der Listen berichtet das NDR-Medienmagazin ZAPP heute um 23.15 Uhr.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. März 2017 um 12:47 Uhr

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