Proteste gegen das Assad-Regime in der syrischen Stadt Huwaida | Bildquelle: AFP

Proteste gegen das Regime Armut und Not machen Syrer mutig

Stand: 15.06.2020 11:06 Uhr

In Syrien leidet die Bevölkerung nicht nur unter dem Krieg, sondern auch unter einer schweren Wirtschaftskrise. Bei einigen ist die Verzweiflung so groß, dass sie es wieder wagen, zu demonstrieren.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo, zzt. Berlin

Es waren erstaunliche Szenen, die sich in den vergangenen Tagen in der syrischen Stadt Suwaida abspielten. Demonstranten versammelten sich zu Protesten gegen die Regierung und forderten den Sturz des Regimes. "Wir wollen dich nicht", riefen sie. Gemeint war Machthaber Bashar al-Assad. In einem Sprechchor hieß es: "Wir wollen in Würde leben", in einem anderen: "Es lebe das das freie Syrien." Immer wieder riefen sie: "Thawra" - auf Deutsch: Revolution.

Verzweiflung ist größer als die Angst

Suwaida, 90 Kilometer südlich von Damaskus, befindet sich in einem Landesteil, der von der Regierung kontrolliert wird. Jeder, der seine Stimme gegen das Regime erhebt, muss also mindestens damit rechnen, im Gefängnis zu landen. Nach Ansicht vieler Beobachter ist es vor allem der wirtschaftliche Niedergang, der viele Syrer in die Verzweiflung treibt und mutig macht. Die Landeswährung befindet sich im freien Fall. Die Preise explodieren.

"Ich habe drei Kinder und erwarte das vierte, aber mein Geld reicht oft nicht mal für Lebensmittel", erzählt ein Arbeiter aus Damaskus. Er könne nicht mal mehr Obst für die Kinder kaufen.

Ein Fleischer aus der Hauptstadt beklagt gegenüber einem Reporter der Nachrichtenagentur AFP, dass die Leute aufgehört hätten, Fleisch zu kaufen.

"Nur wenige können sich Fleisch noch leisten. Wie soll jemand, der 20.000 Syrische Lira im Monat verdient, ein Kilo Fleisch für 13.000 Lira kaufen?"

Proteste gegen die Regierung in der syrischen Stadt Suwaida | Bildquelle: AFP
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Das syrische Regime kontrolliert inzwischen wieder den Großteil des Landes, aber die wirtschaftliche Not lastet schwer auf den Menschen.

Wirtschaftlicher Niedergang im ganzen Land

Währungsverfall, Preissteigerungen und Wirtschaftskrise betreffen nicht nur die von der Regierung kontrollierten Landesteile, sondern zum Beispiel auch die Provinz Idlib, die von Aufständischen beherrscht wird.

Er verdiene 2000 Lira pro Tag, sagt ein Mann dem Reporter des Oppositionssenders Syria TV auf einem Markt in der Stadt Idlib. Aber ein Brot koste 700 Lira und ein Kilo Tomaten 900. Wenn das so weiter gehe, würden sich die Leute bald gegenseitig umbringen. Während man 2011 für einen US-Dollar noch 47 Lira bekam, sind es auf dem Schwarzmarkt inzwischen 5000 Lira.

Die Krise hat mehrere Ursachen. Große Teile Syriens liegen weiterhin in Trümmern. Der Iran als bislang größter ausländischer Geldgeber hat ebenfalls Wirtschaftsprobleme. Russland unterstützt Assad zwar militärisch, aber mit deutlich weniger Geld als der Iran. Hinzu kommt, dass die Corona-Krise auch die Wirtschaft Syriens lähmt.

Brotverkauf in der syrischen Stadt Binnish in der Privinz Idlib | Bildquelle: AFP
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Die Preise in Syrien explodieren, selbst Grundnahrungsmittel sind teuer geworden.

Herausforderungen komplexer als Krieg

Vermutlich um Sündenbocke präsentieren zu können, hat der Präsident jüngst den Ministerpräsidenten und zuvor fünf Provinzgouverneure gefeuert. Und im Mai beschlagnahmte die Regierung Teile des Vermögens von Rami Makhlouf. Der reichste syrische Oligarch und Cousin von Bashar Al-Assad soll 60 Prozent der syrischen Wirtschaft kontrollieren.

Der wirtschaftliche Kollaps und die Risse innerhalb des Zirkels der Macht würden das Regime viel stärker bedrohen als militärische Angriffe, sagt Sam Dagher vom Syrien-Programm des Middle East Institutes. Die bewaffnete Eskalation sei etwas, das das Assad-Regime am besten könne. Plötzlich aber stehe es vor sehr komplexen Herausforderungen.

Nun auch noch US-Sanktionen

Und dazu kommt jetzt auch noch das "Cäsar-Gesetz zum Schutz syrischer Zivilisten", auf Englisch kurz "Caesar Act". Das von den USA beschlossene Sanktionspaket trägt den Decknamen eines syrischen Armeedeserteurs, der mehr als 50.000 Fotos ins Ausland schmuggelte. Sie zeigen unter anderem Tausende Folteropfer.

Die US-Sanktionen richten sich gegen ausländische Unternehmen und Personen sowie ihre Mittelsleute, die das Assad-Regime unterstützen oder mit ihm Geschäfte machen. Das gefährdet den Handel mit dem Ausland, aber auch die syrischen Konten bei libanesischen Banken. Und ohne Investoren würde auch der Wiederaufbau des Landes in noch weitere Ferne rücken.

Syrien – Assad-Regime in Schwierigkeiten
Jürgen Stryjak, ARD Kairo
15.06.2020 09:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 15. Juni 2020 um 11:24 Uhr.

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Jürgen Stryjak, SWR

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