Nach einem russischen Luftangriff steigt Rauch über einem Gebiet am Rande der Provinz Idlib auf, Archivbild | Bildquelle: dpa

Syrische Rebellenhochburg Mehrere Tote bei Luftangriffen in Idlib

Stand: 26.10.2020 16:11 Uhr

Putin und Erdogan hatten die Waffenruhe für die syrische Rebellenhochburg Idlib direkt miteinander ausgehandelt. Nun haben offenbar russische Kampfflugzeuge dort eine von der Türkei unterstützte Miliz angegriffen.

Bei einem Luftangriff auf ein Ausbildungslager in der letzten syrischen Rebellenhochburg Idlib sind nach Angaben eines Sprechers der Opposition mehr als 50 Kämpfer getötet worden. Weitere 50 seien verletzt worden, sagte ein Sprecher der Gruppe Failak al-Scham, die zu den größten von der Türkei unterstützten militanten Oppositionsgruppen in Idlib gehört.

Auch die in Großbritannien ansässige "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" meldete einen Luftangriff in der Provinz an der türkischen Grenze. Sie sprach von 78 Toten und fast 90 Verwundeten. Vermutlich sei der Angriff von russischen Kampfflugzeugen geflogen worden. Demnach trafen die Bombardements ein Ausbildungslager der Miliz Failak al-Scham nahe dem syrischen Ort Harim unweit der türkischen Grenze. In den kommenden Tagen sollten dort rund 150 Kämpfer ihre Ausbildung abschließen. Auf Videos, die Minuten nach dem Angriff zeigen sollen, waren in Decken gehüllte Leichen zu sehen.

Die Angriffe wären damit der direkte und schwerste Bruch einer Waffenruhe, auf die Russlands Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sich im März für Idlib verständigt hatten. Seitdem hatte es zwar einige kleinere Verstöße gegeben, die Lage hatte sich aber insgesamt entspannt.

Rebellen: "Klare russische Botschaft"

Ein Sprecher des Rebellenbündnisses Nationale Befreiungsfront (NLF), der Failak al-Scham angehört, nannte die Angriffe auf das Ausbildungslager eine "klare russische Botschaft" und einen deutlichen Verstoß gegen die geltende Waffenruhe. Die NLF habe als Reaktion Stellungen der syrischen Regierungstruppen und russischer Kräfte mit Raketenwerfern angegriffen. Weitere Angriffe würden folgen, sagte der NLF-Sprecher. Auch die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete unter Berufung auf militärische Quellen bei den syrischen Rebellen von dem Angriff und sprach von "zahlreichen" Opfern. Die Regierungen in Moskau und Ankara äußerten sich zunächst nicht.

Russland unterstützt in Syrien den Präsidenten Baschar al-Assad, die Türkei dagegen Rebellen. Idlib ist nach neun Jahren Bürgerkrieg in Syrien die letzte Rebellenhochburg, die Regierungstruppen mit Unterstützung Russlands auch nach mehreren Offensiven nicht erobert haben. Die Türkei hat in Idlib militärische Beobachtungsposten installiert und unterstützt diverse Milizen. Zudem hat die Türkei Grenzgebiete in Nordsyrien besetzt und dort die Kurdenmilizen vertrieben. Kurdische Kräfte beherrschen immer noch mit Unterstützung der USA den Nordosten Syriens. Ein Großteil der syrischen Bevölkerung lebt aber wieder im Herrschaftsbereich von Präsident Baschar al-Assad.

Bislang direkte Konfrontation vermieden

Seit Anfang 2019 wurden 1,4 Millionen Menschen durch die Kämpfe in Idlib vertrieben. Die Türkei hat bereits mehr als 3,6 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen und will verhindern, dass weiter Menschen aus dem Nachbarland über die Grenze fliehen. Sie rekrutierte in Idlib auch Kämpfer für den Einsatz in Libyen.

Die Türkei und Russland liegen in mehreren Konflikten über Kreuz. Im Konflikt um die Region Bergkarabach etwa unterstützt Ankara Aserbaidschan, Moskau dagegen ist Schutzmacht Armeniens. In Libyen steht die Türkei auf Seite der international anerkannten Regierung von Ministerpräsident Fayez al-Sarraj, dessen Gegenspieler Chalifa Haftar wird unter anderem von Russland unterstützt. Bislang haben Putin und Erdogan trotz unterschiedlicher Positionen aber auch eine Gesprächsebene gefunden und eine direkte Konfrontation vermieden.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 26. Oktober 2020 um 16:09 Uhr.

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