Flüchtlingslager al Hol in Ostsyrien | Bildquelle: Daniel Hechler

Flüchtlingslager in Syrien Verletzt, krank und unterernährt

Stand: 09.04.2019 13:31 Uhr

Sie flüchteten aus der letzten IS-Bastion in das syrische Flüchtlingscamp Al-Hol. Doch das Lager ist hoffnungslos überfüllt. Tausenden kranken Kindern kann nur notdürftig geholfen werden.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Obeida wurde ein Jahr und einen Monat alt. Sein kurzes Leben stand unter keinem guten Stern. Er wurde in Baghus geboren, der letzten Hochburg der Terrormiliz "Islamischer Staat". Monatelang gab es dort kaum etwas zu essen. Die Ortschaft im Grenzgebeit zum Irak stand unter Dauerbeschuss, bevor Einheiten des kurdisch-arabischen SDF-Bündnisses sie Ende März befreiten.

Obeida überlebte wie durch ein Wunder, er strandete im Flüchtlingslager Al-Hol. Hier aber konnten ihm die Ärzte nicht helfen. Zuletzt war der Junge völlig abgemagert, er hatte hohes Fieber und starb. So schildert es uns eine Nachbarin. Unterernährte Kinder zu betreuen, das erfordert einen langen Atem. Sie bräuchten Medikamente und Spezialisten, die sie betreuen, erklärt Sherwan Bery, Leiter vom Kurdischen Roten Halbmond. Eben damit seien sie hier leider oft überfordert.

Flüchtlingslager al Hol in Ostsyrien | Bildquelle: Daniel Hechler
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Im Flüchtlingslager werden jeden Tag 700 Patienten versorgt, die meisten sind Kinder.

Viele Kinder werden im Camp versorgt

700 Patienten versorgen sie jeden Tag im Camp. Die meisten von ihnen sind unterernährte Kinder. Der Anstrum reißt seit Monaten nicht ab. 14 Ärzte arbeiten rund um die Uhr und können doch nicht immer helfen. Seit Januar seien im Camp 225 Minderjährige gestorben. "Wir versuchen unser Bestes. Es ist eine Notfallsituation. Auf lange Sicht brauchen wir viel mehr Unterstützung. Hier muss etwas geschehen", sagt Bery.

Immer noch der Traum vom Kalifat

Niemand hier hat mit so vielen Flüchtlingen aus Baghus gerechnet. Das Al-Hol-Camp ist für etwa 20.000 Menschen ausgelegt. Mittlerweile sind es mehr als 75.000, allein 9000 Ausländer. Sie lebten in der letzten IS-Hochburg Baghus, flohen vor den Kämpfen, vor Hunger und Not.

Flüchtlingslager al-Hol in Ostsyrien | Bildquelle: Daniel Hechler
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Niemand rechnete im Lager mit so vielen Flüchtlingen. Mittlerweile sind es mehr als 75.000 Menschen.

Die meisten sind Frauen und Kinder. Die Väter sitzen oft in Haft oder sind Kämpfer und Anführer der Terrormiliz. Viele hängen der Miliz noch immer an, sie träumen den Traum vom Wiederaufstieg des Kalifats. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen zwischen moderaten und radikalen Gruppen, auch kurdische Ärzte und Schwestern werden angegriffen.

Harter Kampf um Lebensmittel

Lebensmittel sind knapp, auch wenn sich die Situation zuletzt verbessert hat. Wer kein Geld hat, für den ist das Leben im Lager hart."Wir kämpfen um Trinkwasser, um eigentlich alles hier", sagt eine irakische Mutter. "Wir leiden sehr. Wir müssen Essen kaufen, aber haben nicht genug Geld. Manchmal verteilen sie Brot, einmal war es verschimmelt." Kinder versuchen, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Abdallah zermalmt Kichererbsen zu Humus. Für 20 Cent pro Kilo. "Ich brauche das Geld. Davon kaufe Brot und Lebensmittel für die Familie", sagt er.

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Besonders schlimm ist es für die Kinder in dem Lager, die ihre Eltern verloren haben.

Besonders bitter trifft es kranke Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Lama Naqshabanby kümmert sich im Camp um einige von ihnen. Derzeit seien es 120 Kinder. Das ist ein schwieriges Unterfangen, gerade weil sie besonders verletzlich seien: "Am schlimmsten ist es, wenn ein Kind aus der Klinik entlassen wird und eigentlich weiter behandelt werden muss. Das ist schon sehr heikel. Wir sind keine Ärzte oder Krankenschwestern und kennen uns medizinisch nicht aus."

Lage in Syrien
tagesschau 17:00 Uhr, 09.04.2019, Daniel Hechler. ARD Kairo

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Tuberkulose, Syphilis und Diphterie verbreiten sich

Längst grassieren auch Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Syphilis und Diphterie. Die Ärzte des Kurdischen Roten Halbmonds sehen auch die Länder in der Verantwortung, aus denen die ausländischen Familien kommen. "Nehmt Eure Bürger zurück", sagt Bery vom Kurdischen Roten Halbmond. "Wir müssen die Zahl der Flüchtlinge hier verringern und brauchen gleichzeitig mehr Unterstützung."

Deutschland sei da nicht gerade kooperativ. Mit dem Hinweis, dass es zu den kurdischen Behörden keine diplomatischen Beziehungen gebe, hat die Bundesregierung bisher alle Bemühungen, deutsche IS-Anhänger zurückzuschicken, abgeblockt. Die Kurden mit dem "toxischen" Erbe des IS allein zu lassen, könnte das Problem auf Dauer noch verschärfen. Eine faire Lastenverteilung jedenfalls sieht anders aus.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. April 2019 um 12:00 Uhr.

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