Die nordsyrische Stadt Ras al-Ain wurde durch türksiche Streitkräfte bombardiert. | Bildquelle: dpa

Krieg in Nordsyrien Tote trotz Waffenruhe

Stand: 19.10.2019 19:41 Uhr

Ankara und kurdische Milizen beschuldigen sich gegenseitig, die vereinbarte Waffenruhe in Nordsyrien zu verletzen. Ein Regierungsvertreter wies den Vorwurf zurück, die Türkei würde den Abzug der kurdischen Kämpfer blockieren.

Die Türkei und die kurdischen Milizen im Norden Syriens haben sich gegenseitig vorgeworfen, die vereinbarte Waffenruhe zu verletzen. Die "Terroristen" der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) hätten 14 Angriffe verübt, erklärte das Verteidigungsministerium in Ankara.

Die von der YPG dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) warfen ihrerseits der Türkei schwere Verstöße gegen die von den USA ausgehandelte Vereinbarung vor. Unter anderem behindere Ankara den Abzug der kurdischen Milizen und den Transport der Verwundeten und Zivilisten aus dem Gebiet um die Grenzstadt Ras al-Ain, sagte der Kommandeur der SDF, Abdi gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Ein türkischer Regierungsvertreter wies den Vorwurf zurück. Die Türkei stehe zu hundert Prozent hinter dem Deal. "Es ist bizarr zu glauben, dass wir gegen eine Vereinbarung verstoßen, die uns gefällt", sagte er der AFP.

Streit über Sicherheitszone

Die Waffenruhe soll den YPG-Kämpfern den Abzug aus einer geplanten "Sicherheitszone" an der türkischen Grenze erlauben. Über die genauen Ausmaße dieser Pufferzone gibt es keine Einigkeit. Die SDF erklärte, dass die Waffenruhe nur das relativ kleine Gebiet zwischen den Städten Ras al-Ain und Tal Abjad betreffe.

Dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zufolge soll die "Sicherheitszone" ein Ausmaß von 30 Kilometern haben und sich über 444 Kilometern bis an die irakische Grenze erstrecken. Sollten sich die kurdischen Kämpfer nicht innerhalb der vereinbarten 120 Stunden zurückziehen, werde "die Türkei die Köpfe der Rebellen zerquetschen", drohte Erdogan.

Er erklärte zudem, er werde mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über die Gebiete der "Sicherheitszone" in Nordsyrien sprechen, wo nun syrische Soldaten stationiert seien. Sollte es in den Gesprächen zu keiner Lösung kommen, werde die Türkei "ihre eigenen Pläne" durchsetzen.

Präsident Recep Tayyip Erdogan droht den kurdischen Kämpfern bei Nichteinhaltung der Waffenruhe. | Bildquelle: AP
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat ein hartes Vorgehen gegen die kurdischen Kämpfer angekündigt, sollten diese sich nicht binnen Tagen aus Nordsyrien zurückziehen.

Tote und Verletzte bei Luftangriffen

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte, die SDF-Einheiten hätten sich "noch von keinem Punkt zurückgezogen". Ihren Angaben zufolge wurden am Freitag 14 Zivilisten durch türkische Luft- und Mörserangriffe in und um das Dorf Bab al-Cheir östlich von Ras al-Ain getötet.

In der belagerten Grenzstadt Ras al-Ain benötigten 32 Verletzte umgehend medizinische Behandlung, doch könnten Krankenwagen sie nicht herausbringen.

"Militärische Agression und Verletzung des Völkerrechts"

Der Einmarsch der Türkei in Nordsyrien stieß international auf breite Ablehnung. In den USA gibt es zudem heftige Kritik an Präsident Donald Trump, der mit der Entscheidung zum Abzug der US-Truppen aus Nordsyrien den Weg für die türkische Offensive frei gemacht hatte.

Westliche Außenpolitiker werteten die Offensive als "militärische Aggression und Verletzung des Völkerrechts". Es sei falsch gewesen, die syrischen Kurden im Stich zu lassen, schrieben die Vorsitzenden der Auswärtigen Ausschüsse der Parlamente Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, des EU-Parlaments und des US-Repräsentantenhauses in einer gemeinsamen Erklärung, die der CDU-Politiker Norbert Röttgen am Freitag twitterte.

Der SPD-Fraktionschef im Bundestag, Rolf Mützenich, brachte eine Anklage gegen Erdogan vor dem Internationalen Strafgerichtshof ins Spiel. "Erdogan handelt derzeit klar völkerrechtswidrig. Er führt einen Angriffskrieg", sagte Mützenich der "Welt am Sonntag". In Köln demonstrierten am Samstag Tausende gegen den türkischen Einsatz.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. Oktober 2019 um 08:28 Uhr.

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