Demonstration vor Gericht in Madrid | Bildquelle: AFP

Adoptionsskandal in Spanien Gerechtigkeit für die gestohlenen Kinder

Stand: 10.09.2018 05:37 Uhr

Über Jahrzehnte hinweg wurden in spanischen Krankenhäusern Frauen ihre Babys geraubt - von einer mafiösen Bande aus Anwälten, Ärzten und Geistlichen. Jetzt wird ein erstes Urteil erwartet.

 Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Tumulte vor einem Gericht in Madrid: 20, 30 Frauen stehen auf der Straße, wütend brüllt eine: "Gebt endlich zu, dass ihr uns unsere Kinder gestohlen habt!". Es ist der erste Verhandlungstag im Prozess um geraubte Babys im Sommer. Die Frauen sind Opfer des Skandals: Mütter, denen ihre Kinder nach der Geburt abgenommen wurden ‑ und die geraubten Kinder selbst, heute Erwachsene, die inzwischen wissen, dass sie nicht bei ihren leiblichen Eltern aufgewachsen sind.

"Dr. Vela und seine Krankenschwestern, die behaupten, sie wüssten von nichts, sind Kriminelle!", ruft eine andere Frau, als der Hauptangeklagte das Gerichtsgebäude verlässt. Frauenarzt Dr. Eduardo Vela soll in einer Klinik in Madrid für den Babyhandel verantwortlich gewesen sein, in mehreren Tausenden Fällen. Im Gerichtssaal behauptet der heute 85-Jährige, von alledem nichts zu wissen.

Zweifel an den Gedächtnislücken

"Kennen Sie Manuel Rubio Conde? Er war Kollege von Ihnen im Krankenhaus", fragt die Richterin. Vela blickt verwirrt, zuckt mit den Schultern. "Sie erinnern sich also nicht", stellt die Richterin fest. Der alte Mann scheint allerdings völlig klar im Kopf zu sein, als man ihm eine Sterbeurkunde auf den Tisch legt und ihn fragt, ob die Unterschrift darunter seine ist. Nein, sagt er bestimmt.

Nicht wenige zweifeln deshalb an, dass der Arzt tatsächlich Gedächtnislücken hat - auch Margarita Perez, sie war Patientin von Dr. Vela. Anfang der 1980er-Jahre wurde sie in seine Klinik zur Entbindung eingeliefert ‑ nachdem ihre Schwangerschaft ohne größere Probleme verlaufen war.

"Mein Sohn kam zur Welt, es war eine unkomplizierte Geburt. Danach fragte ich, ob ich mein Kind sehen könnte", erzählte sie. "Man sagte mir: Nein, mein Kind sei gestorben. Ich antwortete: 'Das kann nicht sein, es hat doch gerade noch geschrien.' 'Doch', meinten sie. Und ich fing sofort an zu weinen."

Spanische Journalisten berichteten in den 1980er-Jahren, dass es so Tausenden Frauen ergangen war ‑ über fünf Jahrzehnte. Auch, dass Krankenhäuser tote Babys in Kühlfächern aufbewahrten, die Ärzte den Müttern zeigten und behaupteten, es seien ihre Babys, die die Geburt nicht überlebt hätten.

Käufer wurden erpresst

Vater mit Foto
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Manuel L. adoptierte 1982 seinen Sohn. Die Umstände waren äußerst dubios.

Das gesunde Neugeborene wurde verkauft ‑ zum Beispiel an Paare, die selbst keine Kinder bekommen konnten. Ein Team des ARD-Studios Madrid traf vor einigen Jahren einen Mann, der sich auf einen solchen Handel eingelassen hatte: Manuel L., geplagt von schlechtem Gewissen. Seine Frau und er kauften 1982 ein Baby und wurden Opfer einer Erpressung.

"Wir bezahlten 750.000 Peseten. Auf der Säuglingsstation neben einem Brutkasten lag das Baby. Es war wie ein Geschenk für uns", erzählte er. "Doch danach kamen sie immer wieder und wollten mehr Geld von uns, mal 300.000 Peseten, bis ich einmal gesagt habe: 'Ich zeige euch an!' Da haben sie nur geantwortet: 'Du kommst ins Gefängnis und wir hauen ab.' Am Ende habe ich fast drei Millionen Peseten bezahlt."

Das sind umgerechnet fast 18.000 Euro - für Manuel damals ein Vermögen. Das gekaufte Kind wuchs bei Familie L. auf. Mit 18 Jahren kam der Junge bei einem Unfall ums Leben. Der Mann, der für ihn sein Vater war, konnte ihm die Wahrheit nicht mehr sagen.

"Bebés robados" ohne Wurzeln

Gestohlene Kinder
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Erst nach dem Tod seiner vermeintlichen Eltern erfuhr Enrique Vila, dass er adoptiert wurde.

Viele der "bebés robados" suchen bis heute nach der Wahrheit ihrer Geschichte, zum Beispiel Enrique Vila. Er entdeckte zufällig in alten Unterlagen, dass er als Kleinkind verkauft wurde. "Wie erkläre ich es jemandem, der seine Eltern hat, seine Großeltern? Wie erkläre ich jemandem, dass ich nichts habe?", fragt er. "Gibt es Krankheiten in meiner Familie? Aus welcher Gegend komme ich? Warum sehe ich so aus? Wie werde ich einmal aussehen? Du fühlst eine große Leere."

Enrique arbeitet heute als Anwalt in Valencia und hat es sich zur Aufgabe gemacht, im Fall der gestohlenen Babys Licht ins Dunkel zu bringen. Viele seiner Klienten sind ebenfalls Opfer des Skandals. Für Enrique ist klar, dass Ärzte mit Freunden in der Politik und Verbündete in der Kirche jahrelang dafür gesorgt haben, dass die Geschichte nicht an die Öffentlichkeit kam: "Ich denke, schuldig sind diejenigen, die durch Kinderhandel Geld verdient haben. Das ist die Mafia, zusammengesetzt aus Ärzten, Rechtsanwälten, Notaren und vor allem auch aus Geistlichen."

"Ich denke, ich habe schon gewonnen"

So etwas wie der Star für die vielen Opfer des Baby-Skandals in Spanien ist Inés Madrigal. Sie hat mit dafür gesorgt, dass es zu diesem ersten Verfahren kommt, als Nebenklägerin. Inés war auch ein "bebé robado", wurde nach ihrer Geburt an eine andere Familie verkauft ‑ von Dr. Vela und seinen Kollegen, wie sie sagt. "Ich denke, ich habe schon gewonnen. Jetzt weiß die ganze Welt, dass man in Spanien über 60 Jahre hinweg Kinder geraubt hat. Und mein Fall hat es vor ein Gericht geschafft. Aber eigentlich ist er nur einer von Hunderten, von Tausenden."

Die Staatsanwaltschaft fordert für den 85-jährigen Dr. Vela elf Jahre Gefängnis. Sollte er verurteilt werden, wäre das nicht nur ein Erfolg für Inés ‑ auch für die anderen Opfer des Baby-Skandals. Und es könnte sie ermutigen, weitere Verfahren anzustoßen. Denn Dutzende spanische Ärzte und Nonnen, die in das Geschäft mit Neugeborenen verwickelt waren, sind noch am Leben.

Erstes Gerichtsurteil im Verfahren um Spaniens "gestohlene Babys"
Oliver Neuroth, ARD Madrid
10.09.2018 06:41 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 10. September 2018 um 05:53 Uhr im Deutschlandfunk.

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