Menschenleere Calle Mayor in Palencia  | Bildquelle: dpa

Virus-Pandemie Warum Corona Spanien so schwer trifft

Stand: 08.10.2020 17:24 Uhr

In keinem europäischen Land sind die Infektionszahlen so hoch wie in Spanien. Experten im Land diskutieren intensiv darüber, was die Gründe sind und benennen gleich mehrere Mängel und Versäumnisse.

Von Marc Dugge, ARD-Studio Madrid

César Carballo ist einer, der beim Kampf gegen das Coronavirus in der ersten Linie steht. Er ist Notfallmediziner im Krankenhaus Ramón y Cajal von Madrid. Wenn er die beschwichtigenden Worte von seinen Politikern hört, macht ihn das sauer: "Es scheint immer so, als würde alles nach Plan laufen. Dass wir das Land sind, dass es am besten hinbekommt. Aber das sind wir nicht! Wir sind wieder das Schlusslicht in der zweiten Welle!“

Tatsächlich hat keine Metropole in Europa hat derzeit höhere Infektionszahlen als Madrid. Im Rest Spaniens sieht es mit den Infektionszahlen allerdings meist nicht viel besser aus.

Aus Sehnsucht unvorsichtig

Über die Gründe streiten die Experten. Einer sei sicher der harte mehrwöchige Lockdown vom Frühjahr gewesen, glaubt der Gesundheitsexperte Daniel López Acuña. Die Sehnsucht, Freunde und Familie zu sehen, habe viele unvorsichtig werden lassen: "Zuviel Strand, Restaurants, Nachtleben und Terrassen - ohne Abstandhalten oder Maske, als wenn das Virus gar nicht da wäre."

Auch der Epidemologe Fernando García glaubt, dass das Verhalten vieler Spanier eine Rolle spielt. Ihr intensives soziale Leben, mit Treffen von Freunden und Familen, habe sicher seinen Teil zur zweiten Welle beigetragen. Aber, so García: "In anderen Ländern Südeuropas gibt es ganz ähnliche Verhaltensweisen. Wir sind da den Franzosen oder den Italienern ähnlich. Aber warum gab es in Italien dann viel weniger neue Infektionsherde? Das hat wohl etwas damit zu tun, dass das Virus sich unkontrolliert ausbreiten konnte."

Die Versäumnisse der Regionen

Und spätestens hier beginnt die Verantwortung der spanischen Politik. Seit Ende Juni, seit dem Ende des Alarmzustands, haben die 17 Regionen wieder die Kompetenz für den Gesundheitsbereich. Und, darin sind sich die meisten Experten einig: Viele haben die Dinge viel zu lange schleifen lassen.

Im Sommer, als die Zahlen noch niedrig waren, sei zu wenig unternommen worden, um sich auf die zweite Welle vorzubereiten, so César Caballo:

"Wir haben schon Mitte August eine Strategie von der Politik gefordert. Wir sagten damals, dass sich die Dinge nicht gut entwickeln. Und warnten davor, dass wir auf eine neue Ausgangssperre zusteuern, wenn keine Einschränkungen verhängt werden."

Weder sei ausreichend neues Gesundheitspersonal eingestellt worden, noch "Tracer" - also jene, die Infektionsketten überprüfen. Viele Gesundheitsexperten warnen seit langem davor, dass die Lage außer Kontrolle gerät. Santiago Moreno etwa, der im Krankenhaus Ramón y Cajal Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten ist: "Viele der Maßnahmen wurden getroffen, ohne Experten dazu zu befragen. Die Politiker haben deren Meinung einfach ignoriert."

Entscheidungen ohne Kompetenzen?

Am Wochenende veröffentlichten Dutzende Vereinigungen aus dem Gesundheitsbereich ein provokantes Manifest an die Adresse der Politiker. Der Titel: "Im Gesundheitsbereich haben Sie zu entscheiden. Aber Sie verfügen nicht über das Wissen." Die Autoren beschwerten sich darüber, dass viele Entscheidungen ohne wissenschaftliche Grundlage und ohne klare, nachvollziehbare Kriterien beschlossen würden.

Tatsächlich unterscheiden sich viele Anti-Corona-Maßnahmen von Region zu Region. Und die Politiker streiten sich auch noch öffentlich darum, welche die richtigen sind - meist entlang der Parteilinien. Den Notfallmedizinier César Caballo macht das wütend:

"Die Koordination der Regionen untereinander war ein Desaster. Und wie die Regionalregierung von Madrid und die spanische Regierung miteinander umgegangen sind - entsetzlich. Das Bild, das sich dem Bürger vermittelt, ist: Jeder geht hier seinen eigenen Weg."

"Dieses Virus besiegen wir gemeinsam" - mit diesem Spruch warb die spanische Regierung auf Plakatwänden um Unterstützung. Spanien muss in diesen Tagen spüren, dass dieses Virus tatsächlich nur gemeinsam zu besiegen ist. 

Warum die Coronalage in Spanien so dramatisch ist
Marc Dugge, ARD Madrid
08.10.2020 18:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Oktober 2020 um 18:00 Uhr.

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