Eine Kerze steht vor einem Foto von Stephen Sondheim | AFP

Komponist Sondheim gestorben Auf der Suche nach Ordnung im Chaos

Stand: 27.11.2021 09:17 Uhr

Durch Musicals wie "Sunday in the Park" oder "Sweeney Todd" wurde er weltbekannt: Wie kein anderer hatte Stephen Sondheim den Broadway geprägt. Nun ist der Komponist mit der Leidenschaft für Kreuzworträtsel gestorben.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Für einen der kreativsten Theater-Komponisten und Texter hatte Stephen Sondheim zeitlebens eine auf den ersten Blick etwas seltsame Leidenschaft: Kreuzworträtsel. Für ihn war das ein vollkommen naheliegendes Hobby. Denn es sei wie das Erschaffen von Kunst: "Es geht darum, Ordnung im Chaos zu schaffen. Deshalb liebe ich Kreuzworträtsel." Das sei der Grund, warum Menschen Künstler seien. "Die Welt war schon immer chaotisch, das Leben unberechenbar. Eine Form zu schaffen - das ist der Grund, warum Menschen Bilder malen, Fotos machen, Musik schreiben oder Geschichten erzählen."

Peter Mücke ARD-Studio New York

Am 22. März 1930 als Sohn wohlhabender jüdischer Eltern in New York geboren, geriet sein Leben schon mit zehn aus den Fugen, als sich die Eltern scheiden ließen. Zwei Jahre ging er auf eine Militärakademie. Eine Zeit, die ihn geprägt hat: "Damals wurden auf diese Militärschulen gerne die Kinder von geschiedenen Eltern geschickt. Viele meiner Klassenkameraden waren Scheidungskinder."

Für ihn hatte die Schule eine ganz besondere Bedeutung: "Nach der Scheidung war mein Leben ein einziges Chaos. Und die Schule hat mir Ordnung gegeben: Pünktlich sein, die Knöpfe an der Uniform polieren, Befehle bekommen. Das war wunderbar. Das hat mir Struktur gegeben und - psychologisch gesehen - mein Leben gerettet."

"Bewusstes" Komponieren

Mit der Jazz- und Popmusik der 1940er-Jahre hat er wenig am Hut. Musik war für den jungen Sondheim vor allem die Musik aus Filmen und Shows. Schon als Jugendlicher machte er erste Kompositionsversuche. Prägend wurde dabei sein Studium am Williams College in Massachusetts und beim Komponisten Milton Babbitt, der zeitweise als Mathematik-Professor in Princeton lehrte und als einer der Pioniere der seriellen und elektronischen Musik gilt: "Mein erster Musik-Professor hat uns strenge Regeln über das Komponieren gelehrt. Das hat mich sofort angesprochen." Musik sei nicht rumsitzen und auf eine Inspiration warten. Eine Melodie-Idee müsse man entwickeln und hart daran arbeiten - es reiche nicht, nur am Klavier herumzuklimpern. "Das ist eine sehr bewusste Art der Komposition. Und das habe ich dann bei Milton Babbitt weiterverfolgt."

Sondheim zog es zum Broadway. Sein Durchbruch gelang ihm Mitte der 1950er-Jahre, als er die Texte zur Leonard Bernsteins "West Side Story" schrieb: "Ich habe meine Arbeit von damals schon immer auch kritisch gesehen. Ich weiß, viele lieben das, aber es gibt Momente, die beschämen mich bis heute." So singe Tony in "Tonight": "Heute war die Welt bloß eine Adresse" - das höre sich an, als wäre Tony sehr belesen. "Aber er ist ja ein Jugendlicher von der Straße, der kommt nicht mit so einer fancy Phrase. Vielleicht klingt es ganz gut. Aber wenn ich es höre, dann muss ich weggucken, bevor ich wieder zur Bühne schaue."

Zahlreiche Auszeichnungen

Beim Schreiben der "West Side Story"-Texte soll Sondheim schon damals jeden Donnerstag den "Listener", das Kunstmagazin der BBC, ans Set mitgebracht haben, um nachmittags das schwierige Kreuzworträtsel darin zu lösen. Aus dieser Manie soll 1973 auch der Film "The Last of Sheila" entstanden sein, ein Rätsel-Krimi, zu dem Sondheim und sein Freund Anthony Perkins das Drehbuch schrieben.

Die großen Auszeichnungen bekam Sondheim aber für seine Kompositionen - etwa den Oscar für die Filmmusik zu "Dick Tracy". Oder den Pulitzer-Preis für das Musical "Sunday in the Park with George", sein wohl bedeutendstes Werk. Jeweils acht Mal räumte Sondheim zudem den Grammy und den Tony Award ab. Jetzt ist er im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Roxbury, Connecticut gestorben, nachdem er am Vortag noch mit Freunden Thanksgiving gefeiert hatte.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 27. November 2021 um 09:20 Uhr.