Das Wrack des abgestürzten Flugzeugs

Offener Brief in Polen Angehörige gegen Exhumierung der Smolensk-Opfer

Stand: 24.10.2016 15:04 Uhr

2010 stürzte eine polnische Regierungsmaschine bei Smolensk ab. 96 Menschen starben, unter ihnen Präsident Kaczynski. Über die Unglücksursache wird immer noch spekuliert. Eine geplante Exhumierung der Opfer für erneute Untersuchungen stößt auf Protest der Angehörigen.

Es ist immer noch ein Fall, der für große Debatten in Polen sorgt: Was geschah wirklich damals am 10. April 2010, als die Präsidentenmaschine in der Nähe der russischen Stadt Smolensk abstürzte? War es ein Unfall? Oder steckte doch mehr dahinter - etwa ein Anschlag?

Denn an Bord der Tupolew 154 befand sich neben 95 weiteren Insassen auch der damalige Präsident Lech Kaczynski. Sie alle kamen bei dem Absturz ums Leben. Und so gab es immer auch Verschwörungstheorien, wonach es sich nicht um einen tragischen Unfall handelte. Eine erste Untersuchung unter der Leitung des damaligen Innenministers Jerzy Miller kam allerdings zu dem Ergebnis, dass das Flugzeug abstürzte, weil die Piloten trotz dichten Nebels zu landen versuchten. Eine Auswertung des Stimmrekorders zeigte, dass mehrere Militär- und Regierungsvertreter die Piloten trotz des schlechten Wetters zur Landung drängten.

Ermittler sollen Anschlagstheorie erneut prüfen

Diesen offiziellen Bericht wollten die Nationalkonservativen von der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) jedoch nicht akzeptieren. Sie rollten die Ermittlungen nach ihrem Amtsantritt 2015 neu auf. Im Juni kündigte die Staatsanwaltschaft deswegen die Exhumierung von Opfern des Flugzeugabsturzes an.

Blumen vor dem polnischen Präsidentenpalast
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Blumen vor dem polnischen Präsidentenpalast: Trauer um das verunglückte Präsidentenpaar Lech und Maria Kaczynski im April 2010.

Doch unter den Angehörigen der Absturzopfer regt sich Widerstand gegen das Vorhaben. In einem offenen Brief sprechen sich polnische Angehörige gegen die geplante Exhumierung aus. Dass diese mehr als sechs Jahre nach dem Absturz der Präsidentenmaschine aus ihren Gräbern geholt werden sollen, sei "rücksichtslos und grausam", zitierte der polnische Rundfunk aus einem von mehr als 200 Menschen unterschriebenem Appell an Regierungs- und Kirchenvertreter.

Kaczynskis Bruder stimmt Exhumierung zu

Der Zwillingsbruder des zu Tode gekommenen Präsidenten, Jaroslaw Kaczynski, hat hingegen am Wochenende seine Erlaubnis für eine Exhumierung gegeben. Es sei bereits entschieden, dass die Exhumierung seines Bruders "eine der ersten, wenn nicht die erste" sein solle, sagte der Vorsitzende der PiS. Er vermutet eine Explosion an Bord des Flugzeugs.

Die neuen Untersuchungen könnten die Beziehungen zwischen Polen und Russland weiter belasten. Die PiS hat Russland zwar nie direkt beschuldigt, für den Absturz verantwortlich zu sein. PiS-Funktionäre werfen Moskau aber vor, die Ermittlungen zu verzögern und Polen Beweisstücke vorzuenthalten. Das Flugzeug war damals auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung für die 22.000 polnische Opfer eines stalinistischen Massakers in Katyn im Jahr 1940.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14.11.2016 um 09:10 Uhr.

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