Greta Thunberg und Kai Schlüter | Bildquelle: Kai Schlüter

Klimastreik in Stockholm Mission Hilferuf

Stand: 05.07.2019 21:03 Uhr

Aus Greta Thunbergs Schulstreik ist längst eine weltweite Protestbewegung geworden. Ein Besuch an dem Ort, an dem vor fast einem Jahr alles anfing.

Von Kai Schlüter, ARD-Studio Stockholm

Ein kühler Sommertag im urlaubsschläfrigen Stockholm. Schnell treibende Wolken, Windböen, Regenschauer, gelegentlich ein Sonnenstrahl. Der Kiosk auf dem Mynttorget, einem kleinen Platz zwischen Schloss und Reichstag, ist noch geschlossen. Zehn Aktivisten hocken auf dem kalten Pflaster. Spatzen hüpfen tschilpend um sie herum.

Dann kommt Greta Thunberg: Rosa Gummistiefel, ein viel zu großer, knallgelber Regenmantel, aus der hochgeschlagenen Kapuze lugen ihre langen Zöpfe hervor. Sie rückt das Schild "Skolstrejk für klimatet" - Schulstreik für das Klima - das an einem Blumenkübel lehnt, zurecht.

Gretas kurzes Interview

Touristen werden aufmerksam und machen Selfies mit ihr. Sie ist zu einem kurzen Interview bereit. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, nur ein paar Elektroautos kaufen und glauben, dann wird sich alles lösen - dann wird sich nichts verändern", sagt sie. "Wir müssen realistisch sein und sagen: Dies muss getan werden, und wenn wir dies nicht tun, werden wir die Ziele nicht erreichen."

Was kann der einzelne dafür tun?

Am 20. August vergangenen Jahres stand Greta zum ersten Mal vormittags vor dem Reichstag mit ihrem selbstgemalten Schild "Schulstreik für das Klima". Bis zur Reichstagswahl am 9. September war sie dort jeden Morgen, schwänzte die Schule und wollte bleiben, bis Schweden die Bedingungen des Pariser Klimaabkommens erfüllt hat. Gretas Buch "Niemand ist zu klein, um etwas bewirken zu können", im Mai in London auf Englisch erschienen, ist in den Stockholmer Buchhandlungen ausverkauft.

Was kann der einzelne tun? "Man kann in seinem persönlichen Leben so kleine Dinge tun, wie aufhören zu fliegen, Veganer werden, aufhören zu shoppen und so weiter", sagt sie "Aber wir brauchen eine Systemveränderung. Die werden wir nicht bekommen, wenn wir uns nicht auch persönlich ändern."

Lehrer nehmen an einem Schulstreik Teil | Bildquelle: Kai Schlüter
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"Teachers for future": Auch Lehrer nehmen an dem Schulstreik teil.

Aufruf Gretas gefolgt

Die Frau vom Kiosk stellt ihre Stühle raus, wird in dem kalten Wind aber kaum Gäste erwarten können. Die Aktivisten halten sich mit heißem Tee aus Thermoskannen warm. Michael aus den USA, seit zwei Jahren in Stockholm, ist einem Aufruf von Greta auf Twitter gefolgt.

Was sein Pappschild bedeutet, auf dem "Wir haben nur noch sechs Jahre" steht, kann Michael noch nicht sicher beantworten, aber er ist von Greta beeindruckt, und er will etwas tun.

So geht es auch Fritz aus Hamburg, der seit sieben Jahren in Stockholm lebt. "Genauso wie Michael bin ich heute das erste Mal hier", sagt er. "Ja, ich fühle einfach den Druck, dass wir was machen müssen, dass wir uns bewegen müssen. Und ich hoffe, dass wir in Schweden ein Beispiel für die Welt sein können. Und nicht nur mit dem Streik, sondern vielleicht auch mit der Politik."

Michael und Fritz sind keine Schüler mehr und Jonas auch nicht. Er ist Lehrer. "Teachers for Future" - Lehrer für die Zukunft steht auf seinem Schild. "Wir sind in einer Krise. Wir müssen wirklich etwas tun."

Der Wind treibt Sprühregen über den Platz. Greta lässt sich geduldig und immer mit ernstem Gesichtsausdruck fotografieren.

Schild mit der Aufschrift ''Skolstrejk'' | Bildquelle: Kai Schlüter
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''Skolstrejk"-Schild in Stockholm: Druck auf die Mächtigen

Abgeschirmte Greta

Johanna schirmt sie freundlich gegen allzu aufdringliche Touristen ab. Greta versteht ihre Mission als Hilferuf.

"Es ist symbolisch, dass wir als junge Generation die ältere Generation um Hilfe rufen", sagt sie. "Wir haben nicht gewählt, wir haben nicht die Qualifikation, um auf politische Beschlüsse einwirken zu können, Beschlüsse, die gefasst werden müssen", sagt sie. "Wir brauchen Hilfe, um Druck auf die Mächtigen ausüben zu können. Wir brauchen Hilfe, um auf die Krise aufmerksam zu machen."

Schulstreik fürs Klima auch in den Ferien
Kai Schlüter, ARD Stockholm
06.07.2019 06:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. Juli 2019 um 17:31 Uhr.

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