Archiv: Gerettete Flüchtlinge | Bildquelle: picture alliance / dpa

Flucht übers Mittelmeer Wie Schlepper ihre Strategien ändern

Stand: 30.06.2019 19:54 Uhr

Um Migranten nach Europa zu bringen, wenden Schlepper mittlerweile andere Strategien an. Eine davon: der Mutterschiff-Trick. Worum handelt es sich dabei - und inwiefern hängt das mit Italiens hartem Kurs zusammen?

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Es ist eine Zahl, über die Matteo Salvini nicht so gerne redet. Während der Innenminister und halb Europa darüber diskutierten, ob die "Sea-Watch 3" in italienische Gewässer einlaufen durfte, haben im Schatten dieser Debatte Schlepper mit veränderten Methoden Hunderte Menschen nach Italien gebracht.

Allein in den zwei Wochen, in denen die "Sea-Watch 3" außerhalb der Hoheitsgewässer vor Lampedusa lag, sind laut offiziellen Zahlen des italienischen Innenministeriums 312 Menschen über das Mittelmeer ins Land gekommen - sechs Mal so viele, wie zu Beginn auf der "Sea-Watch 3" waren.

Federico Fossi vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, in Rom unterstreicht: "In Wirklichkeit gehen die Anlandungen weiter. Sie sind nicht sichtbar. Aber es gibt sie in großer Zahl, vor allem auf Lampedusa, aber auch auf der östlichen Route, von Griechenland und der Türkei aus, dann vor allem nach Kalabrien und Apulien."

Flüchtlingen gehen von Bord der "Sea-Watch 3" in Lampedusa an Land. | Bildquelle: ELIO DESIDERIO/EPA-EFE/REX
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Nach tagelanger Fahrt auf dem Mittelmeer hatte die "Sea-Watch 3" im Hafen von Lampedusa festgemacht - zum Ärger der italienischen Regierung.

Geschlossene Häfen, neue Methoden

Das UNHCR beobachtet seit einigen Wochen, dass die Menschenschlepper ihre Strategien verändern, nicht zuletzt in Libyen. Die Schlepper reagieren unter anderem auf die rigorose Linie der italienischen Regierung, so Fossi weiter: "Das Schließen der Häfen führt dazu, dass die Schlepper jetzt verstärkt Methoden nutzen, die es den Passagieren erlauben sollen, direkt ins Zielland zu kommen, ohne abgefangen zu werden."

Eine der Methoden, auf die die Schlepper dabei verstärkt setzen, ist der sogenannte Mutterschiff-Trick. Er wurde vor einigen Jahren schon von Ägypten aus genutzt, neuerdings - in etwas veränderter Form - verstärkt von den Schleppern in Libyen.

Der Trick besteht darin, zunächst die Flüchtlinge (meist sind es mehr als hundert) unter Deck eines etwas größeren Schiffes zu verstecken und mit diesem Schiff, auf dem von außen keine Flüchtlinge zu sehen sind, von Libyen unentdeckt in die Nähe der italienischen Hoheitsgewässer zu fahren.

Dort werden die Menschen dann meist in mehrere kleine Holz- oder Kunststoffboote gesetzt, die das Mutterschiff mitgeführt hat. In diesen erreichen sie dann die italienische Küste - oder werden zumindest in italienischen Gewässer von der Küstenwache abgefangen, die sie dann in einen italienischen Hafen bringen muss.

Weniger Schlauchboote werden eingesetzt

Zu den veränderten Schlepper-Strategien trage indirekt auch die erzwungenermaßen nur noch geringe Präsenz der Nicht-Regierungsorganisationen auf dem Mittelmeer bei, sagt das Flüchtlingshilfswerk. Schlauchboote würden seltener eingesetzt. "Schlauchboote können nur wenige Stunden unterwegs sein, vor allem wenn sie überfüllt sind, wie wir es häufig beobachtet haben. Die waren nur mühsam in der Lage, aus den libyschen Gewässern herauszukommen, wo dann die Nicht-Regierungsorganisationen bereit waren, den Migranten und Flüchtlingen zur Hilfe zu kommen", sagt Fossi.

Da sich die politische Situation verändert habe, versuchten die Schlepper, sich diesen Veränderungen anzupassen.

In Segelschiffen versteckt

Aktuell werden - außer mit der neuen alten Methoden der Mutterschiffe - Flüchtlinge und Migranten auch mit Jachten nach Italien geschleust. Auch hier haben die Küstenwachen große Schwierigkeiten, aktiv zu werden: "Die Flüchtlinge werden in Kabinen von Segelschiffen versteckt. Dies ist schwer zu entdecken, weil diese Boote sozusagen getarnt sind zwischen den vielen anderen Segelbooten, die im Sommer auf dem Mittelmeer unterwegs sind."

Die Jacht-Methode wird laut UNHCR vor allem von Schleppern genutzt, die von der Türkei und von Griechenland aus operieren. Für derartige Überfahren, heißt es aus anderen Quellen, müssen die Migranten teilweise mehr als 10.000 Dollar zahlen. Für Fahrten aus Libyen werden den Menschen 3000 Dollar und mehr abgenommen.

In der Regel sind die derzeit von den Schleppern verwendeten Boote auch bei der Mutterschiff-Methode in besserem Zustand als früher. Aber aufgrund der kaum noch vorhandenen Präsenz der Rettungsschiffe der Nicht-Regierungsorganisationen sei die Gefahr zu sterben, trotzdem extrem hoch, sagt Fossi. Jeder sechste Flüchtling und Migrant, der versuche von Libyen nach Italien oder Malta zu gelangen, kommt laut UNHCR derzeit ums Leben. Auch mit den neuen Schleppermethoden bleibt die Überfahrt ein tödliches Risiko.

Geänderte Methoden der Schlepper
Jörg Seisselberg, ARD Rom
30.06.2019 18:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Juli 2019 um 05:42 Uhr.

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