Eine Versammlung der "Sardinen"-Bewegung in Reggio Emilia. | Bildquelle: REUTERS

Neue Bewegung in Italien "Sardinen" gegen Salvini

Stand: 25.11.2019 21:07 Uhr

Sie nennen sich "Sardinen" - weil sie dicht gedrängt stehen, wenn sie gegen Populismus protestieren. In Italien ist eine Bewegung entstanden, die Lega-Chef Salvini gefährlicher werden könnte als andere Parteien.

Von Lisa Weiß, ARD-Studio Rom

Sie halten große Plakate mit gemalten Sardinen oder selbstgebastelte Sardinenfiguren in die Höhe und protestieren friedlich auf den Plätzen. Dicht gedrängt - eben wie Sardinen in einer Büchse.

So nennen sich die Protestierenden auch, die in den vergangenen Tagen immer wieder auf die Straße gingen. Eine von ihnen ist Anna Caciaco, die mit Tausenden anderen in der norditalienischen Stadt Reggio Emilia demonstriert hat: "Ich bin hierhergekommen, weil ich gegen populistische Politik bin", sagt sie. "Ich glaube, dass es in der Politik um Teilhabe gehen muss und nicht um Populismus und Ausgrenzung, und das bringt uns die Politik von Salvini."

Beginn in Bologna

Matteo Salvini, der ehemalige Innenminister und Chef der rechten Lega, ist sozusagen das Feindbild der Bewegung. Entstanden sind die "Sardinen" Mitte November als Flashmob: In der Emilia-Romagna wird im Januar gewählt, die rechte Lega rechnet sich gute Chancen aus, die traditionell linke Region zu erobern. Und als Salvini in Bologna einen Wahlkampfauftritt in einem großen Basketballstadion absolvieren wollte, kamen ein paar Leute, alle um die 30, auf die Idee: Wir bringen mehr Menschen zusammen als in dieses Stadion passen - Menschen, die gegen Salvini und seine Politik demonstrieren, auf dem Hauptplatz Bolognas, dicht gedrängt wie Sardinen.

Das funktionierte - und eine Bewegung kam ins Rollen. In ganz Italien protestieren seither "Sardinen", junge und alte, auch im sizilianischen Palermo, wie dieser Mann: "Es ist wunderschön, dass diese Bewegung sich nicht nur auf die Emilia-Romagna beschränkt, sondern dass es auch hier in Süditalien Leute gibt, die auf Straße gehen wollen", sagt er.

Matteo Salvini | Bildquelle: AFP
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Lega-Chef Salvini hofft, bei den Regionalwahlen im Januar die Emilia Romagna zu erobern.

Salvinis Antwort: Katzenbilder

Und Salvini? Der reagiert vor allem mit Ironie. In den sozialen Medien teilt er Abwandlungen des Parteilogos der Lega, mit der Aufschrift: Gattini con Salvini, also: Kätzchen mit Salvini. Darauf zu sehen ist eine Katze, die eine Sardine fängt. Er ruft seine Follower dazu auf, Katzenbilder zu posten, und erklärt: "Ich erinnere mich gerne an die Fischer am Trasimenischen See, eine tolle Gemeinschaft. Ich werde dahin zurückkehren, um Süßwasser-Sardinen zu essen, mit Brot und Butter, das ist immer gut."

Doch was wollen die "Sardinen"? Immer wieder behaupten ihre Gegner, sie seien gesteuert von der Regierung, von den Sozialdemokraten des PD. Auch, weil sie sich nicht gegen die Regierung, sondern gegen einen Oppositionspolitiker richten - jedenfalls auf den ersten Blick.

Das weist Mattia Santori, einer der "Sardinen"-Erfinder, ganz entschieden zurück: "Wir haben keine politische Agenda, unser Ziel ist ganz eng: Wir wollen, dass die Wahlkampagne und die politische Sprache in der Emilia-Romagna anders werden als in anderen Regionen und auf nationaler Ebene. Die Kernaussage sei: "Fangt wieder an, zivilisiert mit den Bürgern zu sprechen, ohne kommunikative Winkelzüge zu machen. Wir sind nicht mehr die Leute aus den 1990er-Jahren. Vor euch steht eine Generation, die Lügen von der Wahrheit unterscheiden kann."

Mattia Santori, einer der Mitbegründer der "Sardinen" | Bildquelle: REUTERS
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Mattia Santori, einer der Mitbegründer der "Sardinen", wehrt sich gegen die Vorwürfe, die Bewegung sei vom PD gesteuert.

"Keine PD-Bewegung"

Auch Tobias Mörschel, der Leiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Rom, sieht die "Sardinen" als zivilgesellschaftliche Bewegung und nicht als Sozialdemokraten. Allerdings glaubt er auch, dass viele der Menschen, die jetzt auf die Straße gingen, durchaus linken Ideen nahestünden. "Viele von ihnen werden ehemalige Wähler der Cinque Stelle gewesen sein, das ja. Aber es ist keine PD-Bewegung."

Die Cinque Stelle, die Fünf-Sterne-Bewegung, haben selbst als Protestbewegung angefangen. Mittlerweile sind sie an der Regierung und haben viele Anhänger verloren. Als populistisch gelten sie übrigens auch.

Ob auch aus den "Sardinen" eine Partei wird - das lasse sich momentan noch nicht sagen, meint Mörschel. Doch auch er glaubt, dass die "Sardinen" und nicht die Parteien Salvini gefährlich werden könnten - dem Mann, der zwar momentan in der Opposition ist, aber dessen rechte und populistische Lega Umfragen zufolge gute Chancen hat, die nächsten Wahlen zu gewinnen.

"Sardinen" - eine neue Protestbewegung in Italien
Lisa Weiß, ARD Rom
25.11.2019 20:33 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. November 2019 um 09:10 Uhr.

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