Flüchtlingsproteste gegen miserable Lebensbedingungnen auf der griechischen Insel Samos. | Bildquelle: Michael Lehmann

Flüchtlinge auf Samos "Wir können nicht mehr"

Stand: 24.01.2019 05:03 Uhr

Es sind vor allem Flüchtlinge aus Afrika, die auf der griechischen Insel Samos festsitzen. Schlechtes Essen, nasse Zelte, kaum Medizin - sie beklagen unmenschliche Bedingungen und protestieren auf ihre Art.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen, zzt. Samos

Tänze, Gesang und afrikanische Trommeln vor den Büros der Hafenpolizei in Samos-Stadt - es ist ein bunter, friedlicher Protest. Einige Hundert Flüchtlinge, vor allem Afrikaner, sind die wenigen Meter aus ihrem Zeltcamp runter ans Wasser gekommen. "Wir können nicht mehr" lautet ihre Botschaft nach langen, heftigen Regenfällen. Viele tragen nur dünne Kleidung und Badelatschen.

"Wir leben unter wirklich unmenschlichen Bedingungen, das kann so nicht weitergehen. Wir hören, dass es sich auf Lesbos langsam bessert, aber hier nicht", berichtet ein Flüchtling. Sie bekämen extrem schlechtes Essen, die Zelte für mehrere Tausend Menschen seien durchnässt - "es geht uns wirklich sehr, sehr schlecht".

Flüchtlingslager auf Samos | Bildquelle: Michael Lehmann
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Die Flüchtlinge auf Samos sind nur in Zelten untergebracht.

Keine Zeit, keine Medizin

Einige Hundert Flüchtlinge, vor allem Familien, sind von Samos aufs Festland gebracht worden. Doch immer wieder kommen Boote aus der Türkei mit neuen Migranten. So wie eine Mutter aus dem Kongo mit ihren zwei Söhnen. Seit Anfang Dezember ist sie auf Samos, bräuchte dringend Medizin und einen Arzt für einen der Söhne: "Wenn es hier heftig regnet, können wir nicht schlafen. Wir haben Angst, dass der Wind uns das Zelt wegfegt. Und dann schlafen wir alle in der Mitte in einem Bett." Medizinische Hilfe habe es für sie bislang nicht gegeben, nur kurz habe sie mal einen Doktor gesehen. Auch in der Klinik im Ort habe man keine Zeit und keine Medikamente für sie gehabt. "Sie gaben mir nur was zum Anziehen für meinen Sohn - ich solle am nächsten Tag noch mal kommen."

4000 bis 5000 Flüchtlinge leben zurzeit in Samos-Stadt - etwa genauso groß ist die Zahl der Einheimischen. Die sehen mal frustriert, mal gleichgültig zu, wenn Afrikaner in Badelatschen mit ihren 90 Euro monatlichem Taschengeld einkaufen gehen.

Maria, eine Lehrerin, hat großes Verständnis für die Demonstranten am Hafen: "Die sollten hier täglich protestieren - denn so wie sie leben müssen, ist das wirklich unmenschlich. Sie sollten dringend an Orte geschickt werden, wo sie gut leben können. Und davon gibt es genug auf der Erde. Orte, die nicht überfüllt sind, und wo es Arbeit für sie gibt - aber das organisiert niemand."

Hautkrankheiten greifen um sich

Warum hat die EU keine Pläne, warum machen die meisten Länder immer mehr dicht? Fragen, die manche Flüchtlinge und viele Helfer auf Samos immer wieder stellen. Bogdan von der Hilfsorganisation "Samos Volunteers" versucht seit gut zwei Jahren, das Unmögliche irgendwie doch zu schaffen. Er ist einer von vielen Dutzend Freiwilligen, die die Not ein wenig lindern wollen. Mit heißem Tee, trockenen, warmen Räumen, einer kleinen Bibliothek und einem Waschsalon.

Da viele Flüchtlinge im Camp Hautkrankheiten bekommen haben, müssen sie wenigstens regelmäßig saubere Kleider anziehen können. "Wir arbeiten in der Wäscherei hier jeden Tag zwölf Stunden lang. Aber die Zahl der Bewohner im Camp ist zu groß, um für alle ausreichend waschen zu können. Deshalb gibt es ein System, nach dem wir von Zelt zu Zelt ziehen und den Bedarf abwägen. Priorität haben zum Beispiel die Fälle, die medizinisch wichtig sind", erklärt Bodgan.

Er hat Organisationstalent - die "Samos Volunteers" schaffen viel. Doch jeden Tag bleiben Hunderte Flüchtlinge alleine im Zelt oder wandeln mit starrem Blick durch die Straßen der Stadt. Es seien zu viele, denen man helfen sollte, sagt Bogdan. Unmöglich, dass Familien mit Kindern so erbärmlich leben müssten.

Die Forderung nach mehr Umsiedlungen aufs Festland hört die griechische Regierung seit langem - der Migrationsminister hat reagiert, aber noch nicht umfassend genug, sagen die Helfer auf Samos.

Flüchtlingsproteste gegen miserable Lebensbedingungen auf der griechischen Insel Samos. | Bildquelle: Michael Lehmann
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Für ihre Protestaktion haben sich die Flüchtlinge am Hafen versammelt.

Flüchtlinge schlecht für Tourismus

An einem weiteren trüben Tag dieser Woche hat die Polizei auf Samos verhindert, dass Flüchtlinge aus dem Camp wieder hinunter an den Hafen gehen konnten, um zu protestieren. Wenn die Tourismussaison wieder losgeht, sind um Hilfe bittende Flüchtlinge am Meer ohnehin unerwünscht. Doch es werden auch im Sommer Tausende Flüchtlinge sein, die auf Samos in einer für sie sehr unübersichtlichen Warteschleife verharren müssen.

Luisa, eine junge Frau aus dem Kongo, erzählt von 4000 Euro, die sie gebraucht habe, um aus ihrer Heimat nach Europa zu flüchten. "Ich bin hierher gekommen, um internationalen Schutz zu erhalten - von der griechischen Regierung und den Vereinten Nationen. Das ist der Grund, warum wir hier sind."

Ein Wunder eigentlich, dass bei all dem Frust, der auf Samos zu spüren ist, die Proteste auf der Straße so bunt und friedlich bleiben in diesen kalten Januartagen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Januar 2019 um 06:23 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".

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