Russische Fußballfans treffen auf englische Fans in Marseille

Russland und das Hooligan-Problem "Weiter so, Prachtkerle!"

Stand: 14.06.2016 12:16 Uhr

Russlands Fußball hat seit Jahren ein Problem mit gewalttätigen Fans, doch die Gegenmaßnahmen sind halbherzig. Während der Sportminister dieses Verhalten rügt, applaudiert ein hochrangiger Funktionär sogar den Schlägern.

Von Markus Sambale. ARD-Studio Moskau

Die Stimmung kocht in russischen Fußball-Stadien - vor allem, wenn die Rivalität groß ist, wie etwa bei den vier wichtigen Hauptstadt-Clubs. Doch in Russland hat sich seit gut 20 Jahren auch eine Hooligan-Bewegung etabliert, der es kaum um die Leistung der Teams auf dem Platz geht, sondern um Gewalt als Freizeitbeschäftigung.

Als besonders aggressiv gilt ein harter Kern von Hooligans bei den Moskauer Clubs ZSKA und Spartak, aber auch bei Zenit Sankt Petersburg. Immer wieder kommt es zu rassistischen, antisemitischen und schwulenfeindlichen Ausfällen - auch in den Stadien.

Randale beim EM-Spiel Russland - England
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Szenen wie diese im Stadion von Marseille schocktierten am Wochenende die Öffentlichkeit.

Verabredung zur Gewalt

Nach Augenzeugenberichten scheinen sich Anhänger verschiedener russischer Clubs zusammengeschlossen zu haben, um bei der EM in Frankreich - wie rund um das Spiel Russland-England am vergangenen Samstag - Gewalt anzuzetteln. Der russische Sportminister Witalij Mutko sah sich zu einer Rüge veranlasst und ließ diese Erklärung verbreiten. Es gebe Leute, so Mutko, die nicht wegen des Fußballs kommen. "Sie sehen sich als Helden in ihrer Gruppe. Sie glauben, dass unser Land mit 140 Millionen Bürgern hinter ihnen steht, das Gastgeberland der WM 2018. Doch solche Leute bringen Schande über unser Land und finden das auch noch in Ordnung."

Halbherzige Gegenmaßnahmen

Doch so harsch die Worte klingen: Mit ähnlichen Appellen konnte das Hooligan-Problem im russischen Fußball bislang nicht gelöst werden. Zwar verurteilen Vereine und Verbände stets Gewalt und Rassismus in der heimischen Premjer-Liga, und seit gut zwei Jahren drohen durch ein spezielles russisches Fan-Gesetz harte Strafen. Kritiker bemängeln aber, dass die Konsequenzen oft nur halbherzig ausfallen und dass es nicht genügend Bemühungen an der Fan-Basis gibt, radikale Gruppen in Schach zu halten.

So sind es am Ende vor allem riesige Polizei-Aufgebote, die in der russischen Liga Schlägereien rund um Fußball-Spiele verhindern. Diese Erkenntnis spielte wohl auch eine Rolle bei der Kritik, die der Ehrenpräsident des russischen Fußballverbandes, Sergej Fursenko, nach den jüngsten Zusammenstößen bei der EM an die Verantwortlichen in Frankreich richtete: "Dass Fans Feuerwerkskörper mitbringen konnten, ist allerdings auch ein schweres Versäumnis der französischen Sicherheitskräfte, die eigentlich für Ordnung sorgen müssen."

Russische Fußballfans im Stadion von Marseille
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Das Anzünden von Bengalos zählte noch zu den geringeren Taten im Stadion von Marseille.

Ein Funktionär meldet sich zu Wort

Sowohl vom russischen Fußballverband als auch von der Vereinigung russischer Fußballfans kamen inzwischen Appelle an die Fans, friedlich zu bleiben. Diese Aufrufe wurden allerdings torpediert durch die Äußerungen des stellvertretenden russischen Parlamentspräsidenten und Mitglied des Exekutivkomitees des Russischen Fußballverbands, Igor Lebedew.

Der Abgeordnete der nationalistischen Liberaldemokraten erklärte, er könne nichts Schlimmes finden an kämpfenden Fans. Die Hooligans hätten schließlich die Ehre Russlands verteidigt. Lebedjews Aufforderung an die "Prachtkerle" auf Twitter: "Weiter so!"

Kreml ruft Fans zu Ruhe auf

Der Kreml hat die russichen Fußballfans dazu aufgerufen, sich an Recht und Ordnung zu halten. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte der Agentur Interfax zufolge, er hoffe, dass sich die russischen Fans an die Gesetze des Landes hielten, in dem sie sich befänden und dass sie nicht auf Provokationen reagieren würden. Die illegalen Handlungen der Fans einiger Länder in Frankreich seien nicht akzeptabel.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Juni 2016 um 20:00 Uhr.

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