Rosemary, Rückkehrerin aus Libyen nach Benin City

Zurück in Nigeria Die Einsamkeit der Rückkehrerinnen

Stand: 28.12.2019 14:41 Uhr

Nigerianer haben in anderen Ländern kaum Chancen auf Asyl. Viele kehren in ihre Heimat zurück. Wie geht es Rückkehrern dort? Eine Reportage.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Frühjahr 2018 in Benin City, Nigeria. Glory Omorisuwa steht auf der Veranda ihres Hauses. Zehn Jahre lang hat sie in Spanien gelebt. "Ich habe als Prostituierte auf der Straße gearbeitet", erzählt sie. "Ich dachte mir: Okay, das bin jetzt ich. Ich muss das machen, um mir eine Zukunft zu verdienen."

Glory war damals erst 17 Jahre alt. Ihre eigene Tante gab sie in die Hände von Menschenhändlern, damit sie Prostituierte wird. Das Geld musste sie nach Hause schicken, zu ihrer Tante. Und ihre Mutter bekam Geld, baute dieses Haus in einer etwas besseren Gegend der Stadt.

Glory mit einer Kundin in ihrem Friseurgeschäft | Bildquelle: WDR
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Glory mit einer Kundin in ihrem Friseurgeschäft

Zehntausende verlassen ihr Land

Nigerianer, die wie Glory damals ihre Heimat verlassen, haben nur geringe Chancen auf Asyl. Viele kehren in ihre Heimat zurück. Mehr als 15.000 Menschen hat allein die Internationale Organisation für Migration in den vergangenen eineinhalb Jahren zurück nach Nigeria gebracht. Und auch die nigerianische Regierung hat sogenannte Rückkehrer aus Libyen ausgeflogen.

Für Rückkehrer gibt es einige Projekte, von der Kirche, vom Staat, von der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Es ist eine kleinteilige, aufwändige Arbeit, denn jeder muss ausgebildet werden.

Doch so etwas könne helfen, sagt Cyprine Cheptepkeny vom IOM. "Es ist effektiv, die Rückkehrer auszubilden, damit sie etwas haben, wovon sie leben können. In der kleinen lokalen Wirtschaft, als Friseur oder Hühnerfarmer beispielsweise. Es unterstützt auch die ganze Gemeinschaft."

Die Einrichtung in Glory Haus ist karg, die Wände sind nackter Beton. Sie bekommt heute Besuch. Glory will einen Friseursalon aufmachen. Sie hatte eine kurze Schulung. Sie bekommt Hilfe von der Kirche. Doch der Termin läuft nicht gut.

Schwester Bibiana hat Glory unterstützt. Ihr auch Geld gegeben. Schwester Bibiana ist wütend. "Ich hab Dir gesagt, ich will Einsatz sehen, ein Interesse von Dir an Dir selbst", schimpft sie. Glory sollte den Schreiner beauftragen, doch nichts ist passiert.

Rückkehrerin Glory | Bildquelle: WDR
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Glory bei der Arbeit in ihrem Friseur-Salon in Benin City

Elektroschocks in Libyen

Auch Rosemary Ugobu kehrte nach Benin City zurück. Dreimal stieg sie in Libyen in ein Boot nach Europa, dreimal kehrten sie um. Dann wurde sie gekidnapped und misshandelt. "Ich bekam drei Tage lang Elektroschocks", erzählt sie im Frühjahr 2018. "Ich sollte Geld zahlen, aber ich hatte nichts, also schlugen sie mich. Jeden Tag sterben Menschen in Libyen."

Rosemary war jung verheiratet worden, hatte keine fertige Schulausbildung. Als ihr Mann starb, konnte sie die Kinder nicht ernähren - und machte sich deshalb auf nach Europa.

Doch in Libyen hielt sie es nicht aus und kehrte zurück nach Benin City. Doch was jetzt? Es gibt kaum Arbeit in der Stadt und die junge Mutter kann sich wieder nicht um ihre Kinder kümmern. Sie leben bei Rosemarys Mutter, außerhalb der Stadt.

Benin City | Bildquelle: Annette Fenske
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Benin City in Nigeria: Viele Menschen verlassen die Stadt.

"Besser als in Spanien"

Herbst 2019 in Benin City: In Glory Omorisuwas Haus sieht es anders aus. An den Wänden hängt Kunsthaar, ein Plastikstuhl mit Tisch steht unter einem großen Spiegel.

Zwei junge Mädchen betrachten das Sortiment an künstlichen Fingernägeln. Immer wieder hat Glory Kunden, denen sie die Haare frisiert. Es reicht noch nicht, um ihr Leben ganz zu finanzieren, aber es geht aufwärts. "Es ist viel besser hier als in Spanien", sagt sie. "Und meine Mutter unterstützt mich. Sie gibt mir Essen. Als ich in Spanien war, habe ich oft auf der Straße gelebt."

Nur mit einer Depression kämpft Glory immer noch, hat oft kein Geld für Medikamente. Zufrieden ist sie trotzdem. Sie wohnt in ihrem eigenen Haus, das ihre Mutter mit dem Geld bauen ließ, welches Glory als Prostituierte verdiente. So hart das ist: Für Glory ist es die Grundlage für ihr jetziges Leben. "Mir geht es gut", sagt Glory. "Ich werde hier nicht belästigt. Und die Leute grüßen mich, ich grüße zurück und wir kommen aus."

Menschen auf der Straße in Benin City | Bildquelle: Annette Fenske
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Straße in Benin City: Viele Rückkehrer finden nur schwer ins Leben zurück.

"Ich bin sehr traurig, aber ich habe keine Wahl"

Endlich zurecht kommen - das wünscht sich auch Rosemary Ugobu. Doch ihr Leben ist im Herbst 2019 kein bisschen besser als ein Jahr zuvor. Zwar hilft sie mittlerweile in einem kleinen Restaurant aus, doch es gehört ihrer Tante, die versucht, sie so von der Straße wegzuhalten. Eine richtige Arbeit, mit einem Gehalt, kann sie ihr nicht bieten. "Ich bin sehr traurig, aber ich habe keine Wahl," sagt Rosemary. "Ich bin doch ein Bettler und der hat keine Wahl."

Das Essen hier kostet 500 Naira, umgerechnet etwa 1,20 Euro. Rosemary selbst kann sich das nicht leisten. Sie bekommt hier kostenlos etwas zu Essen, wenn genug da ist, und etwa 50 Cent als Unterstützung am Tag dazu.

Seit Monaten hat Rosemary ihre Kinder nicht gesehen, erzählt sie. Sie kann sie immer noch nicht zu sich holen. Denn sie hat kein Geld, um sie zu ernähren. Sie findet: Ihr Leben hier in Benin City ist genauso schlimm wie damals im gefährlichen Libyen: "Ob ich hier bin oder mich auf Menschenhändler einlasse, das ist doch das gleiche. Hier stecke ich genauso fest."

Kaum Arbeit

Rosemary wohnt in einer WG, muss sich die Matratze im Zimmer mit einer Freundin teilen. Es gibt kaum Arbeit in Benin City und niemand hilft ihr. "Manchmal ziehe ich los und suche mir ein oder zwei Männer, die mit mir ins Bett gehen. So kann ich 4000 oder 5000 Naira verdienen", sagt sie. "Mit dem Geld komme ich dann vier, fünf Tage hin. Wo ist der Unterschied zwischen einer hoffnungslosen Mutter und einem Mädchen, das sich auf Menschenhändler eingelassen hat? Es gibt keinen Unterschied."

Dass sie wirklich noch einmal auf die gefährliche Reise geht, ist unwahrscheinlich. Aber Rosemary ist verzweifelt - und sie fühlt sich unendlich allein. Wie so viele Rückkehrer in Benin City.

Über dieses Thema berichtete das NDR Fernsehen am 26. November 2019 um 23:30 in der Sendung "Weltbilder".

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