Philippe Lhoste (rechts) | Bildquelle: Barbara Kostolnik

Widerstand in Frankreich "Rote Halstücher" gegen "Gelbwesten"

Stand: 25.01.2019 12:50 Uhr

Die Protestbewegung "Gelbwesten" hat in den vergangenen Monaten ganz Frankreich in Aufruhr versetzt. Jetzt gibt es Widerstand aus den Reihen der Bürger: die "Roten Halstücher".

Von Barbara Kostolnik, ARD-Studio Paris

Philippe Lhoste sucht auf dem weiten Platz vor dem großen Bogen von La Défense seine Mitstreiter. Es ist abends, die Beleuchtung ist schlecht, und rote Halstücher sind einfach schwerer auszumachen als gelbe Westen. Dann aber trifft man sich. Und wo ist das Erkennungszeichen? Cyril zeigt sein rotes Halstuch vor, eigentlich ist es eher ein Schal, was der Kälte geschuldet ist. Gemeinsam wollen sie Flyer verteilen, mit denen sie dazu aufrufen, für die Republik zu demonstrieren.

"Nicht die Demokratie infrage stellen"

"Wir sind nicht einverstanden, wie die 'Gelbwesten' mit der Republik umspringen", erklärt Cyril, leitender Angestellter in Paris. Sie haben vielleicht ein paar Forderungen, die gerechtfertigt seien, über die man sprechen könne, sagt Cyril. Aber man sehe, dass ihr Verhalten autoritäre Züge annehme, man dürfe die Demokratie nicht infrage stellen.

Mittlerweile ist auch Alain eingetroffen, Erkennungszeichen roter Schal. Er greift sich einen Packen Flugblätter, 10.000 haben die "Foulards rouges", "Rote Halstücher", auf eigene Kosten drucken lassen. Wie die "Gelbwesten" habe man das gemacht, man habe gesammelt über Facebook, erzählt Alain. Man organisiere sich, sei gegen die Gewalt, die Plünderungen, die Blockaden an den Kreisverkehren, man wolle sich nicht die Freiheit beschneiden lassen.

Rot soll an die Wurzeln erinnern

Die "Foulards Rouges" seien im Süden Frankreichs, in der Vaucluse entstanden, erzählt Philippe, der Unternehmer spricht für die Pariser Sektion. Das Rot soll an die Wurzeln der Bewegung erinnern, im Süden gibt es ja viele Stierkämpfe, außerdem ist die Farbe Rot Teil der französischen Flagge. Sie haben sich im November gegründet, über Facebook-Seiten und in jeder Region eine Sektion gegründet.

Bisher waren die "Foulards Rouges" eher unsichtbar und friedlich. Nun aber wollen sie aus dem Schatten heraustreten und zeigen, dass es auch noch ein anderes als das "Gelbe-Westen-Frankreich" gibt.

Durch Dialog überzeugen

"Wir sind nicht unpolitisch, sondern multi-politisch, wir stehen über den Parteien, wir respektieren die Parteien, wir wollen durch den Dialog überzeugen." Sie seien Bürger, die wollen, dass ihre Republik respektiert werde, dafür kämpfen sie. Sie seien dabei nicht für oder gegen Macron oder gegen andere Parteien.

Aber natürlich stehen die "Foulards Rouges" Macron gedanklich näher als der rechts-extremen Marine Le Pen oder dem radikalen Linken Jean-Luc Mélenchon. Philippe hat Macron gewählt, das sagt er ohne Zögern. Und er will nicht, dass Frankreich unregierbar wird, er habe dem Land viel zu verdanken.

Rachida, roter Schal, wilde Locken, Mitte 50 gesellt sich zu den Männern, die immer noch einen Ort suchen, an dem sie ihre Flyer verteilen können. Dann laufen sie los, Richtung Eingang U-Bahnhof.

"Man glaube sich in den Jahren 1939 bis 1945"

"Als ich diese 'Gelbwesten' das erste Mal gesehen habe", erzählt Rachida, "habe ich wirklich gelitten, und dann habe ich die 'Roten Halstücher' entdeckt und mir gesagt, endlich macht mal jemand den Mund auf und stellt sich denen entgegen." Jeden Samstag diese Ausschreitungen, das ginge einfach nicht. Und dann der Rassismus und Antisemitismus, was man da alles von denen in den sozialen Netzwerken gelesen habe, man glaube sich in den Jahren 1939 bis 1945.

"Man muss Frankreich lieben"

Rachida ist Muslimin, das betont sie immer wieder, aber der grassierende Antisemitismus, den einige "Gelbwesten" verbreiten, widert sie an. Daher ist sie dabei, verteilt Flyer, in denen die "Foulards Rouges" zu einer republikanischen Demonstration aufrufen, am Sonntag, dem 27. Januar. Das sei ein Marsch für Frankreich, ein republikanischer Marsch, man wolle die Institutionen retten, sagt sie.

Rachida ist in ihrem Element, ein Flyer nach dem anderen wird den vorbei hastenden Franzosen, die nur in ihren Feierabend wollen, in die Hand gedrückt. "Man muss Frankreich lieben, wir haben es doch gut hier, trotz der vielen Steuern."

Angst vor einem Putsch

Rachida, Philippe, Cyril und die anderen "Roten Halstücher" treibt die Angst vor den Extremen auf die Straße, die Angst vor einem Putsch. Und sie wollen zeigen, dass die "Gelbwesten" trotz aller Sympathie in der Bevölkerung bei weitem nicht die Mehrheit der Franzosen repräsentieren.

Sie wollen die "Roten Halstücher" bekannt machen, man sei eine Bürgerbewegung, unpolitisch, sie wollten den Franzosen sagen, es gebe auch noch ein anderes Frankreich.

Rote Tücher gegen Gelbe Westen - in Frankreich formiert sich Widerstand
Barbara Kostolnik, WDR Paris
25.01.2019 11:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete am 25. Januar 2019 WDR 5 um 09:36 Uhr im Morgenecho und NDR Info um 12:20 Uhr.

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