Rohingya-Frau mit Kind in Flüchtlingslager in Bangladesch | Bildquelle: REUTERS

Drei Jahre Vertreibung Rohingya noch immer ohne Perspektive

Stand: 25.08.2020 12:21 Uhr

Vor drei Jahren begann die Vertreibung der muslimischen Minderheit der Rohingya aus Myanmar. 700.000 Menschen leben in Lagern in Bangladesch. Eine Perspektive, in ihre Heimat zurückzukehren, hat kaum jemand.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Als im April in den Rohingya-Flüchtlingslagern in Bangladesch die ersten Corona-Fälle registriert wurden, wuchs die Sorge vor einer unkontrollierten Ausbreitung der Infektion in den dicht besiedelten Baracken, in denen Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder auf engstem Raum leben. Schnell wurde der Zugang zu den armseligen Behausungen in "Cox´s Bazar" und Kutapalong abgeriegelt. Der Sprecher des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR), Steven Corliss, sagt, so sei die Verbreitung von Corona in den Lagern weitgehend eingedämmt worden:

Corona ist ein zusätzliches Problem in den Lagern

"Wir wollten die Kontakte zwischen Menschen im Lager und außerhalb des Lagers begrenzen und wir haben so die Ausbreitung des Virus eingedämmt. Wir haben COVID-19-Behandlungscenter im Lager gebaut und auch eine Intensivstation eingerichtet, die für Rohingya-Flüchtlinge und Bangladeschis gleichermaßen zur Verfügung steht."

Mehr als 700.000 Rohingya waren im Sommer 2017 aus Myanmar vertrieben worden oder vor der Gewalt der Streitkräfte von Myanmar geflohen. Alle Versuche, sie zur Rückkehr in ihre alte Heimat zu bewegen, sind bislang gescheitert. Vor rund einem Jahr gingen Mitarbeiter der Vereinten Nationen mit Vertretern der Regierung von Bangladesch durch die Lager und suchten nach Freiwilligen, die bereit waren, nach Myanmar zurückzukehren - vergeblich.

"Dann können sie uns gleich hier töten"

Sabbir Ahmed, ein älterer Mann im weißen, muslimischen Gewand, sagte damals, er würde - wie viele andere - lieber sterben. Vier seiner Enkel und zwei Onkel seien getötet worden. "Die haben unsere Frauen und Mädchen vergewaltigt, unsere Kinder getötet und unsere Häuser und unser ganzes Hab und Gut verbrannt. Jetzt wollen die uns in dieses brutale Land zurückschicken. Dann können sie uns gleich hier töten. Gebt mir Gift, ich trinke es sofort. Dorthin zurück gehe ich niemals."

Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Selbst die Vereinten Nationen sind nach wie vor der Auffassung, dass eine Rückkehr der Rohingya nach Myanmar noch nicht möglich sei. Im Bundesstaat Rakhine, an der Grenze zu Bangladesch, werde weiter gekämpft, sagte Stephen Colville, Sprecher der UN-Kommission für Menschenrechte im April bei einer Konferenz in Genf.

In Myanmar wird immer noch gekämpft

Die Gewalt zwischen den Rebellen der Arakan Army und den Regierungstruppen von Myanmar steige und davon betroffen seien vor allem Zivilisten aller ethnischen Gruppen in der Region, auch Rohingya. "Die Armee fliegt fast täglich Luftangriffe und bombardiert dicht bevölkerte Regionen. Seit Ende März hat es viele Tote und Verletzte gegeben, darunter vor allem Frauen und Kinder. Außerdem zerstört die Armee Schulen und Wohnhäuser in der Region," so Colville

Streit um Lebensmittel im Flüchtlingslager | Bildquelle: REUTERS
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700.000 Rohingya leben seit 2017 in Flüchtlingslagern in Bangladesch

Immer wieder versuchen Rohingya über das Meer nach Malaysia und Indonesien zu fliehen. Hunderte sind in den vergangenen Jahren bei der Überfahrt in Seenot geraten und ums Leben gekommen.

Mitte April erreichten 400 ausgehungerte Menschen nach einer zwei Monate dauernden Irrfahrt auf See die Küste von Bangladesch, verzweifelt und völlig entkräftet, wie auf Filmmaterial der Nachrichtenagentur AP zu sehen war. Auch Abdul Kalam hatte sich Richtung Malaysia aufgemacht, um den beengten Verhältnissen in den Flüchtlingslagern von Bangladesch zu entkommen. Doch die Boote wurden von der malaysischen Küstenwache abgewiesen.

"Zweieinhalb Monate, ich kann nicht mehr. Sie haben uns auf das Boot gesetzt und versprochen, dass wir nach Malaysia gebracht werden. Aber wir durften nicht an Land gehen. Wir waren 550, als wir losgefahren sind."

Drei Jahre nach dem Exodus aus Myanmar wächst die Verzweiflung der Rohingya. Ihre Zukunft in Bangladesch bleibt ungewiss.

Bangladesch: Rohingya - 3 Jahre Flucht und Vertreibung
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
25.08.2020 12:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Juni 2020 um 18:27 Uhr.

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