Mitarbeiter des Roten Halbmonds in den Trümmern des Migrantenlagers bei Tripolis. | Bildquelle: dpa

Luftangriff in Libyen Migrantenlager sollen geschlossen werden

Stand: 04.07.2019 19:31 Uhr

Nach dem Luftangriff auf ein Internierungslager bei Tripolis will die libysche Regierung alle Lager aus Sicherheitsgründen schließen. Während die UN über den Fall streiten, werden immer neue Details bekannt.

Die libysche Einheitsregierung in Tripolis erwägt die Schließung der umstrittenen Flüchtlingslager in dem Bürgerkriegsland. Die Regierung prüfe derzeit, die Lager aus Sicherheitsgründen zu schließen und die Migranten freizulassen, teilte Innenminister Fathi Baschagha mit. Es sei Aufgabe der Regierung, die Migranten in den Lagern zu schützen. Allerdings liege es außerhalb der Möglichkeiten der Regierung, die Lager gegen Angriffe von Kampfflugzeugen zu schützen.

Am Dienstag hatten zwei Luftangriffe das Flüchtlingslager in Tadschura im Osten der Hauptstadt Tripolis getroffen. Eine Rakete habe eine leerstehende Garage getroffen, eine weitere eine Halle, in der sich etwa 120 Flüchtlinge aufgehalten hätten, schreibt das UN-Nothilfebüro Ocha in einem Bericht. Mindestens 53 Menschen seien nach jüngsten Erkenntnissen getötet, etwa 130 weitere verletzt worden. Das libysche Gesundheitsministerium spricht von 35 Toten und etwa 65 Verletzten.

Libysche Mitarbeiter des Roten Halbmonds bergen Leichen nach einem Luftangriff auf ein Migrantenzentrum in Tadschura. | Bildquelle: dpa
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Nach UN-Angaben wurden mindestens 53 Menschen bei dem Luftangriff getötet.

Wärter schossen offenbar auf Flüchtlinge

In seinem Bericht nannte das UN-Nothilfebüro weitere Details des Zwischenfalls. Es gebe Berichte, dass Wärter auf Flüchtlinge geschossen hätten, die nach der ersten Explosion fliehen wollten. Überlebende hätten dies einem UN-Team mitgeteilt, das nach dem Angriff das Camp besuchte, sagte eine Sprecherin.

Außerdem wurden offenbar Flüchtlinge in dem Lager zur Arbeit in einer Waffenkammer gezwungen. Sie seien monatelang tags und nachts in die Kammer geschickt worden, berichteten zwei Überlebende der Nachrichtenagentur AP. Sie hätten Flugabwehrgeschütze gereinigt, sagte ein junger Migrant. Er gab zudem an, eine große Anzahl von Raketen und anderen Geschossen gesehen zu haben.

UN verurteilen Angriff

Der Angriff wurde international scharf kritisiert. In einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates konnte sich das Gremium allerdings nicht auf eine gemeinsame Position einigen. Laut Diplomaten verhinderte die Vetomacht USA einen entsprechenden Beschluss, in dem auch ein Waffenstillstand gefordert werden sollte.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres forderte eine unabhängige Untersuchung. Er sei "entrüstet", teilte Guterres' Sprecher mit. Die UN hätten den Konfliktparteien die exakten Koordinaten des Lagers übermittelt.

Mehr als 3800 Migranten in Libyen festgehalten

In einem Ocha-Bericht wurde unterstrichen, dass die Regierung unter Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch die Hauptverantwortung für die Flüchtlinge trage, die in dem Lager festgehalten werden. Das mit Migranten überfüllte Lager ist nach Angaben von UN und Menschenrechtsorganisationen ein Internierungslager. Dort seien mehr als 600 Migranten unterschiedlicher Nationalitäten untergebracht, hieß es.

Trotz anhaltender Konflikte ist Libyen nach wie vor eines der wichtigsten Transitländer für Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa gelangen wollen. Häufig werden sie ohne jede rechtliche Grundlage in Flüchtlingslagern festgehalten, von denen sich viele nahe umkämpfter Zonen befinden.

Insgesamt werden nach Ocha-Angaben rund 3800 Migranten in Lagern in und um die Hauptstadt Tripolis gegen ihren Willen festgehalten. Die Verhältnisse in den Camps werden als unmenschlich kritisiert.

Viele Opfer bei Luftangriff auf Migrantenlager in Libyen
mittagsmagazin 13:00 Uhr, 03.07.2019

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Sondergesandter kritisiert EU

Der UN-Sondergesandte für das Mittelmeer warf der EU vor, die Augen vor der Notlage der Migranten in Libyen zu verschließen. "In den europäischen Ländern herrscht eine gewisse Blindheit gegenüber der Lage von Migranten in Libyen, die sich seit Monaten verschlechtert", sagte Vincent Cochetel.

Die EU müsse aufhören, die Menschen nach Libyen zurückzuschicken und stattdessen Druck auf die libysche Regierung und alle Konfliktparteien ausüben, eine Alternative zu "diesem System der willkürlichen Inhaftierung" zu finden, forderte er. Zudem müsse die EU einen "wirksameren Verteilmechanismus" für im Mittelmeer aufgegriffene Flüchtlinge erarbeiten.

Im ölreichen Libyen herrscht acht Jahre nach dem Sturz des Langzeitmachthabers Muammar al-Gaddafi Chaos. Seit drei Monaten gibt es rund um Tripolis schwere Gefechte zwischen Anhängern der von den Vereinten Nationen gestützten Regierung in Tripolis und den Truppen von General Chalifa Haftar, der vom Parlament im Osten des Landes unterstützt wird. Beide beanspruchen die Macht für sich.

Libysche Regierung erwägt Schließung der umstrittenen Internierungslager
Björn Blaschke, ARD Kairo
04.07.2019 23:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. Juli 2019 um 18:00 Uhr.

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