Menschen in Wuhan stehen mit weitem Abstand Schlange. | Bildquelle: AFP

Coronavirus in China "Arbeit ist da, aber ich darf nicht hin"

Stand: 20.03.2020 08:00 Uhr

Seit zwei Tagen soll es keine Neuinfektionen in Wuhan geben. In der Provinz Hubei stehen weiterhin 60 Millionen Menschen unter Quarantäne. Wie gehen sie damit um?

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Nach fast zwei Monaten Quarantäne wartet Peng Li immer noch auf eine Genehmigung für die Rückkehr nach Hause. Am 23. Januar ist der 40-Jährige zum Frühlingsfest in seine alte Heimat gefahren. Seine Eltern wohnen in der Provinz Hubei. Am gleichen Tag wurde die Millionen-Metropole Wuhan wegen des Ausbruchs des Coronavirus abgeriegelt - und anschließend die ganze Provinz mit 60 Millionen Menschen.

Vom Frühlingsfest in die Quarantäne

Erst Anfang dieser Woche haben die Behörden die Maßnahmen etwas gelockert. Peng berichtet: "Am 16. März kamen Arbeiter aus der Nachbarschaft, um die Nägel aus den Sperrmaterialien aus den Wänden zu ziehen. Jetzt dürfen Kinder wieder draußen spielen. Wir dürfen einkaufen, aber nicht unsere Nachbarschaft verlassen. Wir müssen weiter Mundschutz tragen und dürfen uns nicht in Gruppen versammeln." Seine Wohnung in der Gemeinde Wangyizhen, 160 Kilometer von Wuhan entfernt, war über Wochen zugenagelt, weil Leute aus der Nachbarschaft gegen die Ausgangssperre verstoßen hatten.

Pengs Eltern sind gleich nach dem Frühlingsfest in ein Bergdorf zu Verwandten gezogen. Er hofft, dass es dort sicherer für sie ist. Seine Frau und der einjährige Sohn waren zum Frühlingsfest in der Provinz Kanton geblieben. Peng ist verärgert, dass er nicht zu ihnen zurückkehren darf. Er habe eigentlich nur sechs Tage Besuch bei seinen Eltern geplant: "Jetzt kaufe ich dauernd neue Zugtickets, insgesamt habe ich bereits 16 Tickets für die Rückfahrt storniert."

Routine gegen die Zukunftsangst

In den vergangenen acht Wochen hat Peng sich eine Routine erarbeitet: zweimal am Tag essen, einen Chinakohl pro Tag, regelmäßige Tai Chi-Übungen und lesen. Aber die Angst vor der Zukunft nagt an ihm: "Seit zwei Monaten bekomme ich kein Gehalt. Meine Arbeit ist zwar noch da, aber ich darf ja nicht hin." Weil er für eine Firma arbeitet, die medizinische Geräte repariert, gilt seine Arbeit eigentlich als systemrelevant. Auf seine Frage nach Entschädigung habe er noch keine Antwort bekommen. Die wirtschaftliche Unsicherheit trifft viele: Arbeiter konnten nicht in ihre Fabriken, Bauern nicht auf ihre Felder. Geschäfte und Restaurants öffnen erst langsam wieder. Finanzielle Reserven sind aufgebraucht, auch bei Peng.

Menschen stehen mit Mundschutz und großem Abstand Schlange. | Bildquelle: AP
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Schlangestehen zum Einkaufen in Wuhan

Die Provinz Hubei verzeichnet mehr als 80 Prozent der Infektionsfälle in China und mehr als 95 Prozent der Todesfälle. Menschen aus Hubei haben in China derzeit besonders mit Stigmatisierung zu kämpfen.

Einige Familienmitglieder und Freunde, mit denen Peng telefoniert, sind verzweifelt. Manche hätten wegen der langen Quarantäne psychologische Probleme, erzählt er. "Oder sie hassen die Regierung, weil sie nicht sorgfältig genug gehandelt hat. Wenn die Menschen noch weiter eingesperrt bleiben, könnten einige trotz des Ein-Parteien-Systems auch aufbegehren." Peng hofft jetzt, am Wochenende zu seiner Familie in die Provinz Kanton fahren zu dürfen. Dann muss er wieder zwei Wochen in Quarantäne.

Wuhan, Hauptstadt der Provinz Hubei und Chinas Epizentrum der Corona-Krise, verzeichnet heute nach offiziellen Angaben den zweiten Tag in Folge keine Neuinfektionen. Aber zur Normalität ist es noch weit.

Die Psychologie der Quarantäne: Langeweile und Unsicherheit in Hubei
Axel Dorloff, ARD Peking
20.03.2020 06:50 Uhr

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