Menschen stehen beim Putschversuch in der Türkei im Juli 2016 auf einem gepanzerten Fahrzeug. | Bildquelle: dpa

Widerstand gegen Erdogan Der unverstandene Putschversuch

Stand: 15.07.2019 17:09 Uhr

Der Putschversuch in der Türkei ist nun drei Jahre her. Weil Erdogan daraus Kapital schlug, wird auch in Deutschland immer wieder über eine Inszenierung gemutmaßt. In der Türkei fühlen sich viele unverstanden.

Von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Er habe sich gefreut, als er gehört habe, dass es einen Militärputsch gibt, erzählte mir ein Nachbar einige Wochen nach dem 15. Juli 2016. Als er aber mitbekommen habe, wer hinter dem Putsch steckt, sei er auf die Straße gegangen, um für die Regierung zu demonstrieren. Dem Mann, einem Arzt, kann man vieles unterstellen - aber nicht, ein Erdogan-Anhänger zu sein.

Ihm und vielen anderen, die sich am Abend des 15. Juli 2016 den Panzern der Putschisten entgegenstellten, ging es nicht darum, Präsident Recep Tayyip Erdogan zu retten. Ihnen ging es um die Existenz der türkischen Demokratie. Auch wenn sie mit ihrer Regierung nicht einverstanden waren: Eine demokratisch gewählte Führung lässt sich - zumindest grundsätzlich - wieder abwählen. In einer Diktatur, zum Beispiel ausgelöst durch einen Putsch, ist das nicht möglich.

Eine willkommene Gelegenheit

Der Mut, den viele Türken in der Putschnacht zeigten, zahlte sich vor allem für den Staatspräsidenten aus. Erdogan missbrauchte den Putschversuch als Vorwand, politische Gegner ins Gefängnis zu werfen und unliebsame Kritiker mundtot zu machen. Er nutzte die Gelegenheit auch, um seinen größten Fehler zu korrigieren: den jahrelangen Pakt mit der Gülen-Organisation.

Ohne Erdogans Billigung hätten sich die Anhänger des islamischen Predigers niemals so tief in die Verästelungen des türkischen Staates hineinfressen können. Hätte es den Putschversuch nie gegeben, wären sie dort vielleicht heute noch und Erdogan möglicherweise ihre Marionette. Doch um nach der ganzen Macht zu greifen, mussten sie aus der Deckung kommen und ihr Gesicht zeigen. Noch in der Putschnacht bezeichnete Erdogan das als ein Geschenk Gottes. Denn nun sei es möglich, die Armee von ihnen zu "säubern".

Präsident Recep Tayyip Erdogan hält ein Mikrofon in der Hand. | Bildquelle: AP
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Erdogan nutzte die Gelegenheit, um sich unbequemer Gegner zu entledigen.

Noch viele Fragen offen

Doch Erdogan ging es nicht nur um die Armee und es traf bei weitem nicht nur mutmaßliche Anhänger der Gülen-Organisation. Er instrumentalisierte den Putschversuch, um sein Präsidialsystem einzuführen, das ihn mit nahezu uneingeschränkter Macht ausstattet. Natürlich liegt es nahe, zu fragen, ob nicht doch alles inszeniert war von dem Mann, der am Ende als Sieger vom Platz ging. Das Gegenargument, der Präsident hätte doch nicht den Tod Hunderter Bürger in Kauf genommen, greift nicht - schließlich schickte Erdogan seine Bevölkerung gegen die Putschisten auf die Straße, was nicht wenige das Leben kostete.

Es ist auch längst noch nicht alles geklärt, was in der Putschnacht geschah. Warum wurde der Präsident offenbar erst am späten Abend über den drohenden Putsch informiert, wo staatliche Stellen bereits am Nachmittag davon wussten? Welche Rolle spielten der Geheimdienstkommandeur und der Generalstabschef? Einige Fragen sind offen und es scheint, als habe die Regierung nicht den Ehrgeiz, sie zu klären.

Rolle der Gülen-Organisation oft verkannt

Darüber hinaus haben sich viele gewundert, woher die Regierung so schnell wusste, wen sie verhaften und entlassen muss. Tatsächlich war die Regierung gewarnt und es gab bereits Listen von Leuten, die im Verdacht standen, der Gülen-Organisation anzugehören. Wer meint, der Putschversuch sei inszeniert gewesen, verkennt die Rolle der Gülen-Organisation in der Türkei. Aber offenbar gab es darüber hinaus Tausende Staatsbedienstete, deren man sich aus anderen Gründen entledigen wollte - und das wirft einen Schatten auf die Gedenkfeiern.

Jetzt, drei Jahre nach dem Putschversuch, hat es den Anschein, als würden die Türken aus ihrer politischen Schockstarre erwachen. Seit den Kommunalwahlen entdecken sie ihre Demokratie neu. Mancher reibt sich verwundert die Augen, dass Erdogan und seine AKP mit demokratischen Mitteln zu schlagen sind. Auch meinem Nachbarn geht das so, dem Erdogan-Gegner, der vor drei Jahren auf die Straße ging, um die Demokratie zu retten.

Niemand weiß, wie die Türkei sich entwickelt hätte, wenn der Putschversuch erfolgreich gewesen wäre. Möglicherweise wäre die Demokratie dann nicht nur beschädigt, sondern abgeschafft. Hoffnungsschimmer wie nach der Kommunalwahl gäbe es dann nicht.

Der unverstandene Putsch - Türkei drei Jahre danach
Christian Buttkereit, ARD Istanbul
15.07.2019 16:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Juli 2019 um 15:20 Uhr.

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