Trauer in Kemerowo | Bildquelle: REUTERS

Angehörige der Brandopfer Wut und Trauer in Kemerowo

Stand: 27.03.2018 13:30 Uhr

Im sibirischen Kemerowo wächst nach dem Brand in einem Einkaufszentrum die Wut. Angehörige erheben Vorwürfe gegen die Verantwortlichen. Harsche Kritik kam auch von Präsident Putin.

Von Markus Sambale, ARD-Studio Moskau

In die Trauer über die Opfer der Brandkatastrophe mischt sich Wut auf die Verantwortlichen des Einkaufszentrums, auf die Behörden, auf die Politiker. Die Vorwürfe: Schlamperei beim Brandschutz, versperrte Notausgänge. Wachpersonal, das den Feueralarm nicht auslöste. Überforderte Einsatzkräfte. Die Folge war, dass viele Besucher am Sonntag im brennenden Einkaufszentrum in eine Falle gerieten - vor allem die Kinder, die sich in einem Spielbereich und im Kino in der obersten Etage aufhielten.

Tausende versammelten sich in Kemerowo vor dem Rathaus. | Bildquelle: REUTERS
galerie

Zahlreiche Menschen versammelten sich in Kemerowo vor dem Rathaus.

1000 Menschen demonstrieren

Heute versammelten sich am Unglücksort rund 1000 Menschen, um zu trauern, aber auch um zu protestieren. Sie forderten in Sprechchören, die Wahrheit über das Unglück zu erfahren. Sie riefen den Gouverneur zum Rücktritt auf. "Warum kommt keiner raus zu uns? Und wieso steht ihr alle herum und habt Angst? Es sind Menschen gestorben, unter ihnen viele Kinder. Ruft den Gouverneur an, ruft Wladimir Putin an! Sie sollen herkommen. Wir werden mit ihnen sprechen", sagte ein Protestierende, der verlangte, die Verantwortlichen zu sprechen.

Präsident Putin war in der Nacht nach Kemerowo geflogen, 3000 Kilometer östlich von Moskau. Am Unglücksort in der Innenstadt legte er Rosen nieder. Später besuchte er Verletzte im Krankenhaus, traf sich mit Angehörigen der Opfer. Der russische Präsident kam auch mit regionalen Politikern und Behördenvertretern zusammen. Dort sagte er: "Die Menschen sind ins Einkaufszentrum gegangen, um sich zu erholen, unter ihnen viele Kinder. Wir sprechen viel über Demographie - und dann verlieren wir so viele Menschen. Weshalb? Wegen verbrecherischer Fahrlässigkeit und wegen Schlamperei."

Russlands Präsident Putin sprich mit Angehörigen der Opfer in Kemerowo | Bildquelle: AFP
galerie

Russlands Präsident Putin sprach in Kemerowo mit Angehörigen der Opfer und lokalen Politikern.

Opferzahl wird misstraut

Der Zorn der Bevölkerung richtet sich vor allem gegen den Gouverneur und gegen die örtlichen Behörden. Ihnen werfen die Menschen Korruption und verantwortungsloses Handeln vor. Das habe zu der Katastrophe geführt. Putin sagte, es sei Sache der Ermittler, die Schuldigen ausfindig zu machen. Mehrere Verdächtige wurden festgenommen, unter ihnen der Direktor des Einkaufszentrums.

Das Misstrauen gegenüber dem Staat ist groß: Nicht nur, was das Krisenmanagement betrifft. Angehörige werfen den Behörden vor, die wahre Zahl der Opfer zu vertuschen. In Eigeninitiative begannen sie, selbst Daten von Toten und Vermissten zusammenzutragen. Sie fürchten, dass deutlich mehr als die offiziell genannten 64 Menschen ums Leben gekommen sind.

Trauer, Wut und immer schärfere Proteste
Markus Sambale, ARD Moskau
27.03.2018 15:14 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. März 2018 um 11:00 Uhr.

Darstellung: