Sarg wird in die Erde gelassen | Magdalena Karpinska

Beerdigungen an polnischer Grenze "Weil einfach jeder ein Mensch ist"

Stand: 22.11.2021 05:00 Uhr

Immer wieder kommen Geflüchtete nahe der Grenze zu Belarus ums Leben. Angehörige der muslimischen Minderheit im Osten Polens kümmern sich um die Beerdigungen und um einen möglichst würdevollen Abschied.

Von David Zajonz, ARD-Studio Warschau

Trauernd stehen die Gemeindemitglieder am Sarg, während Imam Aleksander Ali Bazarewicz sein Gebet singt. Den Verstorbenen kennt aber niemand von ihnen. Auf dem Grab stehen die Buchstaben "NN", die Identität des Mannes ist unbekannt. Er kam offenbar ums Leben, nachdem er über die Grenze von Belarus nach Polen gekommen ist.

David Zajonz

Muslimische Tataren im Osten Polens

Wahrscheinlich, so vermuten sie hier, starb er im Wald an Unterkühlung. Jetzt soll ihm ein möglichst würdevoller Abschied bereitet werden, erklärt der Imam: "Unsere muslimische Tradition besagt, dass man Muslime auf einem muslimischen Friedhof bestatten sollte."

Die Gemeindemitglieder sind Tataren, eine kleine muslimische Minderheit im Osten von Polen, nahe der Grenze zu Belarus. Seit mehr als 600 Jahren leben sie in der Region. Jetzt haben sie hier auf ihrem Friedhof im kleinen Dörfchen Bohoniki schon mehrere Migranten begraben müssen.

Grab ohne Namen auf polnischem Friedhof |  Magdalena Karpinska

Grab eines unbekannten Verstorbenen im Osten Polens. Bild: Magdalena Karpinska

Kälte wird den Menschen zum Verhängnis

Denn wer es über die von Grenzschutz, Polizei und Militär bewachte Grenze schafft, ist noch lange nicht am Ziel angekommen. Die Menschen tauchen im Wald unter, damit sie von den polnischen Sicherheitskräften nicht nach Belarus zurückgeschickt werden. Die Kälte in der Grenzregion kann ihnen dann zum Verhängnis werden: "Es kommt jetzt Frost und Schnee, das ist das Ende für sie", sagt Stefan Marek Szczęsnowicz, ein Mitglied der Gemeinde.

Mann aus dem Jemen wird beigesetzt

Sein Bruder, Maciej Szczęsnowicz, ist der Vorsteher der muslimischen Gemeinde. Direkt nach der Beerdigung des unbekannten Mannes erhält er einen Anruf. Die jemenitische Botschaft berichtet von einem verstorbenen Mann aus dem Jemen, der im Wald gefunden wurde. Sofort macht sich der Gemeindevorsitze an die Arbeit, um die nächste Beerdigung zu organisieren.

Diesmal ist die Identität des Verstorbenen bekannt. Sogar sein Bruder reist extra aus dem Jemen an. Es kommen aber auch wieder polnische Muslime, die den Toten nicht kannten.

Einer von ihnen ist der Syrer Kasim Shady, er selbst ist vor Jahren als Flüchtling nach Polen gekommen: "Es gibt in Polen nicht viele von uns Muslimen und auch wenn ich ihn nicht kannte, wollte ich hierherkommen, als gute Tat", erzählt er.

"Weil einfach jeder ein Mensch ist."

Die Gemeinde versucht den Migranten auch durch Lebensmittellieferungen zu helfen. So sollen Menschen versorgt werden, die im Wald gefunden werden. Allerdings bekochen die Gemeindemitglieder auch die polnischen Grenzschützer. 300 Teller Suppe bringen sie den Einsatzkräften jeden Tag, erzählt Gemeindevorsteher Szczęsnowicz: "Als muslimische Gemeinde in Bohoniki versuchen wir den Migranten und den Uniformierten zu helfen. Weil einfach jeder ein Mensch ist." Auf diese Weise wollen die tatarischen Muslime ein bisschen Menschlichkeit in den dramatischen Konflikt an der polnischen Ost-Grenze bringen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. November 2021 um 22:45 Uhr.