Das Forschungsschiff "Polarstern"  | Bildquelle: Stichler/NDR

Forschungsexpedition "Polarstern" in die Arktis gestartet

Stand: 20.09.2019 21:11 Uhr

Acht Jahre lang haben Wissenschaftler auf diesen Moment gewartet: Das Forschungsschiff "Polarstern" ist heute zur Mammutexpedition "Mosaic" in die Arktis aufgebrochen. Untersucht werden die Folgen des Klimawandels.

Von Christian Stichler, ARD-Studio Stockholm

Allein die Zahlen lassen aufhorchen: 19 beteiligte Länder, 600 Wissenschaftler, fünf Eisbrecher und ein Budget von 140 Millionen Euro. Die "Mosaic"- Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate) setzte schon vor ihrem Start neue Maßstäbe. Noch nie war ein so großes Team von Wissenschaftlern während der Polarnacht in der Arktis unterwegs.

Start der Arktis-Expedition "Mosaic"
tagesschau 17:00 Uhr, 20.09.2019, Christian Stichler, ARD Stockholm

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Ein ganzes Jahr lang wird sich die "Polarstern" durch das Eis am Nordpol treiben lassen. Die Expedition hat ein historisches Vorbild. Der norwegische Polarforscher Fridtjof Nansen hatte vor mehr als 125 Jahren dieselbe Route schon einmal zurückgelegt. Er war es, der die Eisdrift entdeckt hat. Also den Umstand, dass das Eis über dem Nordpol der Erde keine stabile Masse, sondern in ständiger Bewegung ist. Es schiebt sich grob gesagt von Sibirien aus über den Pol in Richtung Grönland. Ganze drei Jahre hat die bahnbrechende Expedition der "Fram" damals gedauert, von 1893 bis 1896.

Acht Jahre Planung

Polarforscher Markus Rex
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Der Polarforscher Markus Rex ist seit 30 Jahrenimmer wieder in der Arktis unterwegs.

Nun also geht die "Polarstern" wieder auf dieselbe Route. Warum erst jetzt? "Weil wir es jetzt erst können", sagt Markus Rex, Polarforscher des Alfred-Wegener-Instituts und der Leiter der Expedition. Acht Jahre hat die Planung und Vorbereitung gedauert. Um ein Jahr im Eis überwintern zu können, muss die "Polarstern" mehrmals mit Treibstoff und Nachschub versorgt werden. Dafür machen sich Eisbrecher auf den Weg zum Pol.

Mehrere Flugzeuge und Hubschrauber eingebunden - oder wie es Rex ausdrückt: "Von der ISS kommt man schneller wieder auf die Erde zurück als von der "Polarstern" nach Bremerhaven." 1000 Kilometer in der Polarnacht sind selbst für die größten Langstreckenhubschrauber eine zu weite Distanz. Deshalb hat die "Polarstern" auch einen eigenen Operationssaal an Bord.

Aber es gibt noch einen Grund, weshalb eine solche Expedition erst heute möglich wurde: der Klimawandel. Ohne die dramatischen Veränderungen in der Arktis hätte das Alfred-Wegener-Insitut niemals die Unterstützung und das Bugdet für die Expedition zusammenbekommen.

Nur weil die Welt verstehen will, was in der Arktis passiert, ist sie auch bereit für eine solch historisches Unternehmen. Die "Mosaic"-Expedition ist auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Nicht nur, weil bis zum Einbruch der Dunkelheit während des polaren Winters die richtige Eisscholle gefunden werden muss: "Das Klimasystem der Arktis verändert sich so schnell, dass wir in zehn Jahren gar nicht mehr dokumentieren könnten, wie es heute funktioniert“, sagt Rex.

Arktis 15 Grad wärmer bis 2100?

Schon heute sind die Veränderungen mit bloßem Auge zu sehen. Das Meereis geht dramatisch zurück. Im Sommerhalbjahr sind immer größere Flächen in der Arktis eisfrei. Das dunkle Wasser nimmt dann deutlich mehr Wärme durch das Sonnenlicht auf als das weiße Eis. Die Wassertemperaturen steigen, noch mehr Eis schmilzt. Es könnte ein gefährlicher Kreislauf entstehen.

Polarstern
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Sogar Flugzeuge und Hubschrauber sind mit an Bord der "Polarstern".

Nach Berechnungen einiger Klimamodelle wird sich die Arktis bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 15 Grad im Schnitt erwärmen. Die Folgen auch für Europa wären dramatisch. Denn das gemäßigte Klima bei uns ist maßgeblich von einer kalten Arktis abhängig. Denn nur ein funktionierender Jetstream stabilisiert unser Wetter. Aber für einen funktionierenden Jetstream braucht es eine kalte Arktis. Wenn der Jetstream schwächer wird, steigt die Wahrscheinlichkeit für Extremwettersituationen.

Warme Arktis - noch wärmere Erde

Expeditionsleiter Rex ist seit fast 30 Jahren immer wieder in der Arktis unterwegs. Lange war er auf der AWIPEV-Forschungsstation des Alfred-Wegener-Institut auf Spitzbergen im Einsatz. Früher, erinnert er sich, seien sie häufig mit dem Schneescooter über den zugefrorenen Fjord gefahren. Heute gibt es dort schon seit Jahren selbst im Winter kein Eis mehr. "Damals war die Arktis noch eine andere Welt!", sagt Rex.

Die Folgen bekommt die Welt zu spüren, denn das Klima der Arktis ist sozusagen der Schlussstein in der Klima-Brücke. Nur an den beiden Polen kann die Erde Energie abgeben, die sie in den warmen Regionen rund um die Äquator aufnimmt. Eine warme Arktis hätte eine noch wärmere Erde zur Folge. "Aber erst wenn wir das Klima der Arktis verstehen, verstehen wir das Klima unsere Welt", sagt Rex. Auch deshalb gibt es "Mosaic". Biologen, Physiker, Meereis-Spezialisten, Klimaforscher - die Expedition arbeitet interdisziplinär - auch das ist neu.

Das Forschungsschiff "Polarstern" | Bildquelle: Stichler/NDR
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Das Forschungsschiff "Polarstern" verbringt ein Jahr in der zentralen Arktis.

Auf der Eisscholle, an der sich die "Polarstern" durch den polaren Winter treiben lässt, werden Hunderte von Messgeräten aufgebaut. Das Auswerten der Daten wird Jahre dauern. "Da haben ganze Generationen noch was davon", ist Rex überzeugt.

Schutz vor Eisbären

Neue Maßstäbe setzt die Expedition auch in Sachen Sicherheit. Die größte Gefahr: Eisbären. Da diese in der Dunkelheit kaum zu erkennen sind, überwacht eine 360-Grad-Infrarotkamera an Bord rund um die Uhr die Umgebung des Schiffes. Außerdem wird die unmittelbare Umgebung um die "Polarstern" mit einem Alarmdraht gesichert, der bei Berührung kleine Explosionen auslöst. Das soll die Eisbären abschrecken.

Wenn auch das nicht hilft, dann muss notfalls auch zur Schusswaffe gegriffen werden. Wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, einem Eisbären zu begegnen? Bei dieser Frage sind sich die Wissenschaftler einig: "Sie liegt bei 100 Prozent".  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. September 2019 um 06:00 Uhr.

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