Pierre Cardin | AFP
Nachruf

Nachruf auf Pierre Cardin Ein langes Leben für die Mode

Stand: 29.12.2020 14:41 Uhr

Nicht nur als Modeschöpfer war er seiner Zeit oft voraus, sondern auch als Geschäftsmann: Pierre Cardin warf die starren Traditionen seiner Branche in vielerlei Hinsicht über den Haufen. Nun ist er mit 98 Jahren gestorben.

Ein Nachruf von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Pierre Cardin war nicht einfach nur ein begnadeter Modedesigner und erfolgreicher Geschäftsmann. Er war fast sein ganzes Leben lang seine eigene Marke.

Marcel Wagner ARD-Studio Paris

Zur Mode kam der in Venetien als Pietro Costante Cardin geborene Sohn einer italienischen Weinbauernfamilie in frühester Jugend. Mit 14 begann er in Frankreich, wohin seine Eltern Mitte der 1920er-Jahre ausgewandert waren, eine Schneiderlehre. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zog es ihn nach Paris, wo er bei Elsa Schiaparelli die Haute Couture kennenlernte.

Für den Star-Regisseur Jean Cocteau half er bei der Ausstattung von dessen Verfilmung von "Die Schöne und das Biest". Auf die Erfolgsbahn brachte ihn aber die Zusammenarbeit mit einem Meister seines eigenen Metiers, der Mode: Christian Dior. "Ich wusste ein wenig über Mode, aber Dior half mir zu verstehen, was Eleganz bedeutet und was gleichzeitig Tradition ist", erinnerte sich Cardin Jahrzehnte später. "Dior war allerdings klassischer als ich."

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Pierre Cardin - Fashion Futurist

Eigenes Modehaus mit nicht einmal 30 Jahren

Als erster Schneider im Hause Dior kreierte Cardin den "New Look" mit. Mit ihrer Bar-Mode, entworfen für den Abendcocktail, setzten Dior und Cardin gemeinsam neue modische Maßstäbe. Doch Cardin wollte seine eigenen Ideen verfolgen. Mit nicht einmal 30 Jahren gründete er deshalb sein eigenes Modehaus.

Viele der starren Traditionen seiner Branche warf er dabei über den Haufen. Zum Beispiel, indem er Haute-Couture und Prêt-à-porter gleichzeitig entwarf - und als erster großer Modeschöpfer sogar Kollektionen an Kaufhausketten vermarktete.

Seine Kollegen straften ihn dafür mit Verachtung - bis sie sahen, welche enormen Summen Cardin verdiente, und ihn nachahmten. Cardin selbst interessierte das Geld dabei eher wenig: "Wenn ich hätte Geld verdienen wollen, hätte ich es auf die Bank gebracht oder an der Börse spekuliert", sagte er. "Wenn ich viel gearbeitet habe, dann vielleicht nicht um einen Traum, aber doch immerhin einen Drang zu verwirklichen."

Name in der ganzen Welt vermarktet

Trotzdem erwies sich Cardin als genialer Geschäftsmann. Seinen Namen vermarktete er als Lizenz in der ganzen Welt, längst nicht nur für Mode, sondern für alle erdenkbaren Produkte, vom Mineralwasser bis zum Feuerzeug. Er selbst designte Möbel, kaufte Schlösser, Hotels oder das berühmte Maxim’s Restaurant in Paris, von dem er Dependancen in der ganzen Welt eröffnete.

Seine Modenschauen inszenierte er auch mal in der Wüste Gobi oder auf dem Roten Platz in Moskau. Bis ins hohe Alter feilte er täglich an neuen Entwürfen. "Das ist mein Grund zu leben", sagte er noch zu seinem 95. Geburtstag. "Ohne Arbeit würde ich mich langweilen, in ihr finde ich mein Gleichgewicht. Deshalb mache ich weiter." Dabei war er bis zuletzt immer auf der Suche nach Neuem. "Für mich bedeutet Mode morgen. Was ist Mode? Morgen! Niemals gestern!"

Für dieses visionäre Schaffen hatte die französische Academie des Beaux Arts Cardin eine besondere Ehre erwiesen. Zu seinem 70. Schaffensjubiläum hatte sie ihm eine Modenschau in ihren heiligen Räumen gewidmet. Mit seinen Geschäften hatte Cardin manchmal den Spott seiner Kollegen auf sich gezogen. Seine Mode aber wurde damit noch zu seinen Lebzeiten offiziell zur Kunst erklärt.

Am Dienstagvormittag starb Pierre Cardin im Alter von 98 Jahren in einem Krankenhaus in Neuilly westlich von Paris.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Dezember 2020 um 15:00 Uhr.