Polizisten in Lima überprüfen die Einhaltung der von der Regierung verhängten Ausgangssperre wegen der Coronavirus-Pandemie. | Bildquelle: dpa

Peru Ein Hostel als Gefängnis

Stand: 10.04.2020 01:01 Uhr

In keinem anderen Land gestaltet sich die Rückholung deutscher Urlauber in der Corona-Krise so schwierig wie in Peru. Deutsche Rucksack-Touristen berichten, ihr Hostel sei zu einer Art Gefängnis geworden.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Sie dürfen nicht einmal auf den Balkon. Auf der Gasse vor dem Hostel patrouillieren schwer bewaffnete Soldaten. Seit dreieinhalb Wochen stecken junge Urlauber aus der ganzen Welt in einem Hostel in Cusco in Peru fest. Hoch in den Anden, auf 3500 Metern über Seehöhe. Einer von ihnen ist Thees Burfeind, Informatik-Student aus Leipzig.

"So stelle ich mir Gefängnis vor. Man steht morgens auf, sitzt im Hof. Irgendwie wartet man, hört Musik. Die Bücher hat man natürlich alle schon durchgelesen. Und dann ist es irgendwann wieder abends, und man geht ins Bett, und das wiederholt sich. Das sind hier im Schnitt Zehnbettzimmer. In meinem Zimmer sind jetzt noch vier Leute, es gibt einen Innenhof, da sitzt man auch die meiste Zeit. Aber es ist doch sehr, sehr beengend, hier drei Wochen zu sein."

Zumal kein Ende der Situation in Sicht ist. Es gab zwar auch Rückholflüge für gestrandete Touristen aus Cusco. Doch den letzten Flug hat Burfeind verpasst.

"Wir standen mit gepackten Sachen vor der Tür zum Bus, es stand alles auf Grün. Es war geklärt mit allen Behörden. Aber dann, während das Flugzeug geboardet wurde und wir hier an der Tür standen, tauchte dann ein Problem nach dem anderen auf, irgendwie völlig neue Forderungen. Und dann ist die Sache geplatzt."

Strenge Ausgangssperren in ganz Peru

In dem Hostel in der Altstadt von Cusco gab es zwei Corona-Fälle. Die Behörden stellten alle Gäste unter strikte Quarantäne. In Südamerika hat Peru die strengste Ausgangssperre erlassen. Das bekommen jetzt auch die Rucksacktouristen zu spüren, die in Cusco gestrandet sind.

"Vor der Tür steht Polizei und Militär. Die riegeln die gesamte Straße ab. Man hat uns auch informiert, dass die die Befugnis haben, auf uns zu schießen, sollten wir dieses Hostel verlassen."

Cusco, die frühere Hauptstadt des Inka-Reichs, ist ein Traumziel für viele Rucksack-Reisende. In der Altstadt gibt es jede Menge kleine Lokale, Läden und Reiseagenturen. Die Auswahl an Wanderungen und Ausflügen in der Umgebung ist groß - vor allem liegt die sagenumwobene Ruinenstadt Machu Picchu in der Nähe.

Touristen werden angefeindet

Doch seit Covid-19 sich weltweit ausbreitet, ist die Stimmung gekippt. Touristen aus Europa wurden zum Teil sogar feindselig behandelt - weil die Menschen Angst haben, sie könnten das Virus einschleppen. Das hat auch Lisa Köberle erlebt, sie kommt aus der Nähe von Kempten im Allgäu und studiert Medien und Kommunikation an der Uni Würzburg

"So ein bisschen an Gefängnis hat mich das natürlich auch erinnert. Das ist klar, wenn man drei Wochen an einem Ort festsitzt. Man darf nicht raus, man wird irgendwie auch behandelt wie ein Aussätziger. Daran hat mich das schon ein bisschen erinnert. Und nach drei Wochen wird einem das natürlich auch zu viel. Selbst wenn man mal in den Innenhof darf, ist das halt letztendlich für 80 Leute dann auch nicht allzu viel Platz. Vor allem auch im Hinblick auf die Ansteckungsgefahr ist es sehr kritisch, wenn man sich Gemeinschaftsräume und Etagenbäder teilt."

Sie konnte inzwischen immerhin in eine andere Unterkunft wechseln, so dass sie etwas mehr Platz hat.

"Es ist alles insgesamt sehr wenig durchschaubar, also die Maßnahmen und die Entscheidungen, die die peruanischen Behörden treffen. Das ist alles sehr undurchsichtig, und auch mir kommt es ein bisschen willkürlich vor."

Deutsche Botschaft ist eingeschaltet 

Die deutsche Botschaft hat Mitarbeiter nach Cusco entsandt, auch die Arbeit der Honorarkonsulin wird ausdrücklich gelobt. Doch nirgends war es so schwierig, Rückholflüge zu organisieren, wie in Peru. Genehmigungen wurden erteilt und wieder zurückgezogen, dann wurden Zeitfenster zugeteilt, die nicht zu erfüllen waren.

Die Rückholung von Touristen aus Peru zog sich über Wochen hin, weil immer neue bürokratische Hürden auftauchten. Und bei den Urlaubern aus dem Hostel in Cusco schalten die Behörden ganz auf stur. Ein Ende der Situation ist noch immer nicht abzusehen.

"Seitens der Botschaft hört man auch, dass die extreme Schwierigkeiten haben, hier irgendwie Dinge in Bewegung zu setzen. Es scheint extrem kompliziert zu sein, mit den lokalen Behörden zu verhandeln."

Corona in Peru: Ein Hostel als Gefängnis
Ivo Marusczyk, ARD Buenos Aires
09.04.2020 21:37 Uhr

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