Papst Franziskus | Bildquelle: dpa

Papst Franziskus unter Druck Scheitert der Hoffnungsträger?

Stand: 08.01.2019 04:25 Uhr

Papst Franziskus war als Reformer angetreten, doch im Missbrauchsskandal handelt er widersprüchlich. Für seine Gegner ein willkommener Anlass für Kritik - oder gar für Rücktrittsforderungen.

Von Tilmann Kleinjung, BR

Marie Collins erinnert sich ungern an ihre Zeit im Vatikan. 2014 hat Papst Franziskus die Irin in die päpstliche Kinderschutzkommission berufen. Sie war selbst als Mädchen in den 60-er Jahren von einem Priester missbraucht worden und sollte nun der katholischen Kirche dabei helfen, diesen nicht enden wollenden Missbrauchsskandal aufzuarbeiten.

"Anstelle es als Chance zu begreifen, dass Außenstehende zur Hilfe kommen, wurden die Mitglieder der Kommission als Eindringlinge betrachtet", erzählt sie. "Und die, die gegen Franziskus sind, sahen darin eine günstige Gelegenheit, seine Initiative zu unterlaufen. Inmitten dieser Interessenskonflikte ist die Sicherheit der Kinder komplett unter den Tisch gefallen."

Vor zwei Jahren zog sich Marie Collins aus der Kommission zurück. Im Interview mit dem ARD-Magazin report München zeigt sie sich enttäuscht vom Papst. "Er berief die Kommission ein, um Missbrauch zu verhindern und den Opfern zu helfen", sagt sie. Die Kommission habe ihm hierfür Vorschläge unterbreitet. "Er genehmigte sie und tat dann nichts, um zu sehen, was tatsächlich geschah."

Widersprüchliches Handeln

Papst Franziskus war angetreten, die katholische Kirche zu reformieren, zu öffnen. Doch alle Reformbemühungen werden von diesem epochalen Skandal überlagert. "Die Kirche wird alles Notwendige tun, um jeden, der solche Verbrechen begangen hat, der Justiz zu überstellen", versprach er selbst. "Die Kirche wird nie versuchen, einen Fall zu vertuschen oder zu unterschätzen."

Doch dieses Versprechen aus seiner jüngsten Weihnachtsansprache muss er noch einlösen. Bisher war sein Handeln eher widersprüchlich: Einen schwer belasteten Bischof aus Chile nahm er zunächst in Schutz, sprach von "Verleumdungen". Dann relativierte der Papst seine Aussagen und leitete eine Untersuchung ein.

Rücktritt gefordert

Kritik daran kommt etwa von Kardinal Raymond Leo Burke. "Man kann jetzt schwer sagen, wie der genaue Ansatz ist", sagt er. "Ich würde sagen, es ist mehr Verwirrung als alles andere." Burke war ein einflussreicher Mann im Vatikan, bis Franziskus ihn kaltstellte. Nun nutzen konservative Gegner des Papstes wie er jede Gelegenheit, um Franziskus zu kritisieren. Sie vermissen eine klare Linie - auch im Missbrauchsskandal. Im August verlangte ein Erzbischof sogar seinen Rücktritt. Der Papst zähle selbst zu den Vertuschern im Missbrauchsskandal. Ein ungeheurer, nicht belegter Vorwurf, der von Kardinal Burke dennoch aufgegriffen wird.

"Ob wir so weit gehen sollten, seinen Rücktritt zu fordern, das ist eine andere Frage", sagt er. "Aber es ist wahr, dass für klassische Kommentatoren ein Papst, der von seinem Amt vor allem in dogmatischer Hinsicht abweicht, sich also der Häresie schuldig macht, automatisch aufhört, Papst zu sein."

Missbrauchsskandal als willkommener Anlass?

Ein Kardinal, der den Papst offen kritisiert und von "Häresie" spricht? "Das gehört sich nicht für ein Mitglied der Kurie", sagt der deutsche Kardinal Walter Kasper. Die Missbrauchsdebatte sei nur ein Vorwand, um den Papst zu beschädigen. "Es gibt schon Leute, die einfach dieses Pontifikat nicht mögen", sagt er. "Die wollen das so schnell wie möglich beenden und wollen sozusagen ein neues Konklave haben. Und das wollen sie auch vorbereiten, dass das in ihrem Sinne ausgeht. Den Missbrauchsskandal jetzt für diesen Zweck zu benützen, das scheint mir unangebracht zu sein."

Im Februar hat der Papst die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen zu einer Tagung über den Missbrauchsskandal nach Rom bestellt. Die Opfer erwarten Taten, keine Machtspiele.

Papst Franziskus unter Druck: Scheitert der Hoffnungsträger?
Tilmann Kleinjung, BR
08.01.2019 08:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Januar 2019 um 05:44 Uhr.

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