Mäuse huschen um gelagertes Getreide auf einer Farm in der Nähe von Tottenham, Australien. | AP

Mäuseplage in Australien "Sie nagen alles kaputt"

Stand: 17.06.2021 11:15 Uhr

In Australien breiten sich derzeit Millionen von Mäusen aus und vernichten die Ernten - und nicht nur das. Dabei haben die verzweifelten Landwirte sich gerade erst von Dürren und Überschwemmungen erholt.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

"Dieses Getreide hier haben sie komplett ruiniert. Ich werde wohl einfach ein Loch ausheben und es vergraben. Damit sollte man kein Vieh füttern, womöglich bringt man es sonst um - es ist ein totaler Mist." 

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Getreidefarmer Norman Moeris ist zutiefst frustriert. Der Landwirt aus New South Wales zeigt der Nachrichtenagentur Reuters, was die Mäuse aus seiner Ernte gemacht haben - die schlimmste Mäuseplage seit Jahrzehnten sucht Australien heim. Millionen von Nagern breiten sich aus, vor allem im Osten des Landes. 

Waldbrände, Überschwemmungen, Dürre

Und die Menschen dort wissen, wie sich Plagen von geradezu biblischem Ausmaß anfühlen: Sie haben in den vergangenen Jahren Waldbrände überstanden, Überschwemmungen, und dazu "hatten wir drei Jahre Dürre", sagt Moeris. "Wir haben für Regen gebetet - der kam. Wir hatten eine sehr gute Ernte. Und gerade, als wir uns bereit machten, die Ernte einzufahren, kamen die Mäuse. Wir haben große Teile des Getreides verloren, und die Mäuse haben sich vermehrt, in unfassbaren Zahlen, und jetzt tut es mir nur noch weh."

Die heftigen Regenfälle, um die Landwirt Moeris gebetet hatte, haben den Farmern eine der besten Ernten seit langem beschert - aber eben auch riesige Vorräte für Mäuse. Die Nager können sich rasant vermehren: Ein Paar kann 500 Nachkommen in einer Saison zeugen, und die wiederum sind nach sechs Wochen geschlechtsreif und legen los.

Mäuse attackieren sogar Menschen im Schlaf

Die Tiere sind mit den europäischen Siedlern nach Australien gelangt und können mit dem harschen Klima gut klarkommen - längere Dürreperioden überleben sie, und sobald es wieder genügend Futter und Wasser gibt, gedeihen sie - in diesem Falle in geradezu apokalyptischem Ausmaß.

"Wir müssen eigentlich ernten", sagt Moeris auf dem Mähdrescher. "Aber die Mäuse ruinieren auch unsere Maschinen, die Kabel von Motorrädern, unseren Jeeps und Traktoren. Manche sind in Flammen aufgegangen durch Kurzschlüsse. Sie nagen alles kaputt, auch Haushaltsgeräte, Waschmaschinen, Spülmaschinen, Bettwäsche, Lebensmittel."

Sie attackieren die Menschen sogar im Schlaf. Nicht nur die Farmer leiden - "auch unsere Frauen und Kinder, die Menschen in der Stadt, alle leiden unter den Mäusen."

Zulassung für "Napalm für Mäuse"?

Die Regierungen der betroffenen Bundesstaaten haben Millionenhilfen versprochen. Und momentan wird die Zulassung von Bromadiolon diskutiert, einem Rattengift, das ein Minister als "Napalm für Mäuse" bezeichnete.

Experten fürchten, dass dadurch auch viele andere Tiere sterben werden, die die toten Mäuse fressen, und dass es sogar in die Nahrungskette des Menschen gelangen könnte. Das ansonsten übliche Mäusegift mit Zinkphosphid darf jetzt mit Dosierung in doppelter Stärke verkauft werden. Manche ertränken die Mäuse oder kesseln sie ein, sodass sie sich schließlich gegenseitig auffressen. Aber all das kann der Plage nicht beikommen.

Die australischen Landwirte hoffen jetzt auf einen harten Winter, der die Nager endgültig erledigt. Diese erneute Not trifft viele von ihnen hart - wie der Farmer Doug O’Connor beschreibt: "Wir haben während der Dürre ums Überleben gekämpft, waren vorm Ertrinken. Jetzt konnten wir kurz Luft schnappen, hatten ein gutes Jahr, das Gras wuchs, Lämmer kamen zur Welt, eine gute Ernte. Und jetzt versinken wir wieder und schnappen nach Luft. Ich weiß nicht, wie es weitergeht." 

Landwirte haben in Australien schon seit langem eine 50 Prozent höhere Suizidrate als der Rest der Bevölkerung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Juni 2021 um 11:50 Uhr.