Vor der Grabeskirche in Jerusalem | Bildquelle: ARD Rom

Coronakrise in Jerusalem Das stillste Ostern der Geschichte

Stand: 09.04.2020 17:01 Uhr

Tausende Pilger wären jetzt in der Karwoche in Jerusalem. Wegen der Corona-Pandemie feiern die Christen das wohl ungewöhnlichste Osterfest in der Geschichte der Stadt.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Bereits die Autofahrt von Tel Aviv nach Jerusalem ist außergewöhnlich. Etwa 20 Kilometer vor Jerusalem beginnt ein quälend langer Stau. Wer den passiert hat, trifft auf einen Kontrollposten der israelischen Armee. Mitten auf der Autobahn. Soldaten mit Mundschutz fragen jeden und jede, warum er oder sie nach Jerusalem will. Nur wer einen triftigen Grund hat, darf weiterfahren. Journalisten werden durchgelassen.

Jerusalem ist ganz anders als sonst. Die Parkhäuser vor der Altstadt, die sonst rappelvoll sind, stehen leer. Die wenigen Autofahrer parken einfach auf dem breiten Gehweg am Straßenrand. Strafzettel schreibt hier gerade niemand. Am Jaffa-Tor, das in die Altstadt führt, stehen israelische Polizisten. Ein weiterer Kontrollpunkt. "Wohin gehen Sie?" fragt einer.

Menschenleere vor der Grabeskirche

Zur Grabeskirche. Dorthin, wo laut christlicher Überlieferung Jesus Christus gekreuzigt wurde. Dorthin, wo jetzt eigentlich hunderte Pilger wären. Vielleicht tausende. Es ist Karwoche in Jerusalem. Ostern, die wichtigste Zeit für die Christen der Stadt. Und für die Pilger.

Blick in die menschenleere Gasse
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Die Gassen in der Altstadt von Jerusalem bieten ein ungewöhnliches Bild.

Hinter dem Jaffa-Tor lässt ein palästinensischer Händler das Tor zu seinem Geschäft herunter. Es kommt ja eh niemand. Die Altstadt von Jerusalem ist auf den ersten Blick so gut wie menschenleer. Es dauert teilweise Minuten, bis man in den Gassen anderen Menschen begegnet. In Jerusalem wird gerade neben Ostern auch das jüdische Pessachfest gefeiert. Eigentlich wäre hier kaum ein Durchkommen mehr. Eigentlich.

Deutscher Pfarrer erlebt Jerusalem völlig anders

Dieter Vieweger ist Archäologe und Pfarrer. Er leitet das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes. Vieweger lebt auf dem Ölberg, nicht weit von der Altstadt entfernt.

Er sagt: "Ich bin ja nun schon mehr als 30 Jahren mit dieser Stadt verbunden, 16 Jahre lebe ich hier. Das ist meine Stadt, das ist auch meine Heimat."

Aber so hat auch Vieweger Jerusalem noch nicht erlebt. Auch sein Blick auf die Geschichte der Stadt zeigt, wie außergewöhnlich die Lage ist:

"Hat es so etwas schon gegeben? Dass man 'par ordre du mufti' nicht in die Stadt kommen durfte und keine Ostern feiern konnte? Ich glaube, das hat es noch nicht gegeben." Aber es habe vergleichbare Dinge gegeben. "Nämlich in Kriegszeiten, in Belagerungszeiten, in Pestzeiten. Wo dann Ostern eben ganz spärlich war oder ausgefallen ist. Wir sind Teil dieser Geschichte und jetzt haben wir unseren Teil auch durchzustehen", so Vieweger.

Die Altstadt von Jerusalem wird seit 1967 von Israel kontrolliert. Und so gelten hier die Regeln Israels im Kampf gegen das Virus. Es gibt strikte Ausgangsbeschränkungen. Kirchen, Synagogen und Moscheen sind für die Öffentlichkeit geschlossen. Prozessionen an Ostern wurden abgesagt. Gottesdienste werden in Minimalbesetzung und ohne die Gemeinden gefeiert.

Auf dem Platz vor der Grabeskirche sind keine Pilger, keine Touristen. Eine Nonne kommt eine Treppe herunter. Sie hält kurz inne. Verneigt sich in Richtung der Kirche. Läuft dann weiter. Die Nonne trägt einen Mundschutz und eine weiße Mütze mit einem roten Kreuz. Es ist still in Jerusalem. Die Vögel sind deutlich lauter als die wenigen Menschen, die zu sehen sind.

Restaurants und Geschäfte sind zu

Alle Restaurants und Geschäfte haben geschlossen. Auch das Restaurant mit dem Namen Aladin. Doch davor sitzen drei palästinensische Männer auf niedrigen Hockern. Mohammed, der Besitzer des Restaurants, ist etwa 65 Jahre alt.

Er sagt: "Vor einem Jahr war es hier sehr voll. Das Geschäft lief gut. Zu dieser Jahreszeit an Ostern muss es eigentlich voll sein. Jetzt ist mein Restaurant geschlossen. Aber wissen Sie, das ist schon in Ordnung so. Menschenleben sind wichtiger, die Gesundheit. Wenn Du gesund bist, kannst Du alles wiederkriegen. Nur Dein Leben, das kannst Du nicht wiederkriegen." 

Leerer Platz
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Seit Wochen sind die Geschäfte und Restaurants der Altstadt geschlossen.

Sein ganzes Leben habe er in Jerusalem verbracht, sagt der Palästinenser. Ob er die Altstadt schon einmal so leer erlebt hat? "Vielleicht während des Krieges von 1973 oder während des Krieges von 1967. Aber damals ging das nur ein paar Tage. Diesmal geht das schon seit einem Monat so."

Der Restaurantbesitzer hofft, dass die Krise die so unterschiedlichen Menschen der Stadt vereint. Muslime, Christen, Juden. Streng-Religiöse, Säkulare. Es herrsche doch Gleichheit vor dem Coronavirus. Ein Wunsch, den der deutsche Pfarrer und Archäologe Dieter Vieweger nachvollziehen kann.

Konflikte bestehen weiter

Die Konflikte der Stadt und ihre Brüche seien durch die Krise aber nicht plötzlich verschwunden. "Wir werden nach der Coronakrise aufwachen und alle Probleme weiterhin haben, die wir schon vorneweg hatten. Und wir werden sie lösen müssen. Ob wir das schaffen? Weiß ich nicht", sagt Vieweger.

Er kann den Ölberg in diesen Tagen nicht wirklich verlassen. Und so nutzt er die Zeit für die Forschung und feiert Ostern im sehr kleinen Kreis.

Ostern ist eigentlich kein Fest der Vielen

"Natürlich ist Ostern ein Fest der Massen. Aber das ist ja gar nicht in dem Fest angelegt. Als Ostern war und die ersten Frauen zu dem leeren Grab gekommen sind und mit der Nachricht zurückkamen: 'Der Herr ist auferstanden', da waren das zwei Leute."

Jerusalems Christen werden diesmal ein stilles Osterfest feiern. So still, dass es in der jahrtausendealten Geschichte der Stadt beinahe beispiellos ist.

Jerusalem: Ostern fällt nicht aus - wird aber ganz anders
Benjamin Hammer, ARD Tel Aviv
09.04.2020 07:18 Uhr

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