Polizisten in Rio de Janeiro
Exklusiv

Recherche von tagesthemen und BR Data Rio vor Olympia - Gewalt und Spiele

Stand: 29.07.2016 11:44 Uhr

Kurz vor Olympia ist die Gewalt in Rio weiter ein großes Problem. Allein in der ersten Jahreshälfte wurden weit mehr als doppelt so viele Polizisten getötet wie im Gesamtjahr 2015. Eine Datenauswertung von tagesthemen und BR Data zeigt das ganze Ausmaß.

Von Steffen Kühne, BR, Julio Segador, ARD-Studio Südamerika und Oliver Schnuck

Im vergangenen Jahr kamen in Rio de Janeiro mehr als 1500 Menschen durch Gewaltverbrechen ums Leben. Das ist zwar deutlich weniger als noch vor sechs Jahren, dennoch ist die Sicherheitslage weiter eines der drängendsten Probleme in der brasilianischen Olympiastadt.

Julio Segador ARD-Studio Buenos Aires

Um die Sicherheit bei den Spielen zu garantieren, werden 88.000 Sicherheitskräfte im Einsatz sein. Doch die Polizisten haben einen gefährlichen Job: Seit Beginn dieses Jahres wurden mindestens 62 von ihnen getötet. Im gesamten Jahr 2015 waren es 25 Polizisten gewesen.

Tödliche Gewalt vor allem in den Armenvierteln

Schwerpunkt der Gewaltkriminalität sind die Favelas, Rios Armenviertel, in denen knapp ein Fünftel der Bevölkerung lebt. Hier leben viele einfache Arbeiter, die Siedlungen gelten aber auch als sicherer Rückzugsort für Drogenbanden und Kriminelle. Schusswechsel zwischen schwer bewaffneten Dealern und der Polizei sind an der Tagesordnung.

Das zeigen auch die offiziellen Fallzahlen, die BR Data ausgewertet hat. Verzeichnet sind alle tödlichen Gewalttaten aus dem Jahr 2015, die einem Tatort zugeordnet werden konnten.

Besonders betroffen ist der Norden der Stadt, die Zona Norte. Hier finden die meisten Gewalttaten statt. Die meisten der Favelas dort befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Wohngebieten der unteren Mittelschicht. Die teureren Viertel im Süden der Stadt sind hingegen deutlich weniger betroffen. Hier befinden sich auch die bei Einheimischen und Touristen beliebten Strände von Copacabana, Leblon und Ipanema.

Umstrittene Polizeioffensive vor Olympia

Kurz vor den Olympischen Spielen geht die Polizei besonders hart gegen die Kriminellen in den Problemvierteln vor. Alleine im Monat Mai wurden 40 Menschen bei Polizeieinsätzen getötet. Im Juni sind noch einmal 32 Tote dazugekommen. Amnesty International kritisiert dieses Vorgehen und spricht von "vorolympischen Säuberungen in den Favelas".

Das Logo von den Tagesthemen und BR Data

Schon vergangenes Jahr wurden über 300 Menschen von der Polizei getötet. Drei Viertel der Opfer waren junge Afrobrasilianer oder Brasilianer gemischter Abstammung.

Renata Neder von Amnesty International sieht das kritisch: "Die Polizei handelt bei einem jungen Weißen aus dem Stadtteil Ipanema komplett anders als bei einem schwarzen Jugendlichen aus einer Favela." Die Gewalt sei unterschiedlich verteilt. In den Favelas sei die Polizei viel gewalttätiger.

Strategie der Polizei

Um strategisch wichtige Gebiete zu sichern, wurde 2008 die Befriedungspolizei Unidade de Polícia Pacificadora (UPP) gegründet.

Die 38 Standorte der Befriedungseinheiten zeigen, dass die Stadt versucht, die innerstädtischen und touristischen Viertel sicherer zu machen - wie zum Beispiel das Gebiet rund um das Maracaná-Stadion, wo die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele stattfinden wird. Außerdem versucht die Polizei, Favelas in der Nähe wichtiger Verbindungsstraßen zu sichern. Komplett vernachlässigt werden bei dieser Strategie die Favelas im Westen der Stadt, die weder touristisch erschlossen noch wirtschaftlich bedeutend sind.

Dank der umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen müssen Olympia-Touristen wohl keine Angst haben, Opfer von Gewalttaten zu werden. Wie es nach der Spielen weitergehen soll, ist allerdings unklar. Der Bundesstaat Rio de Janeiro ist pleite und die Gründung von vier weiteren Einheiten der Polizei UPP wurde wegen Haushaltskürzungen auf unbestimmte Zeit verschoben.

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KOMMENTARE

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woll 28.07.2016 • 15:05 Uhr

Die Welt in Basilien ist

Die Welt in Basilien ist nicht augeteilt zwischen Schwarz und Weiss, sonder zwischen Arm und Reich." Da kann ich nur zustimmen, aber erwähnen muss man leider auch, dass der Großteil der armen Bevölkerung dunkelhäutiger Abstammung ist. Übrigens der Begriff Afrobrasilianer existiert zumindest auch auf Wikipedia: "In der Regel wird der Begriff eher kulturell als ethnisch verwendet. Damit unterscheidet er sich von der nordamerikanischen Bezeichnung Afroamerikaner." Lg aus Rio